Fethullah Gülen: “Es gibt in der Türkei keinen Abgrund zwischen Muslimen und Kemalisten”

Er gibt ganz selten Interviews: Erstmals bezieht nun der in den USA lebende islamische Prediger und Gelehrte Fethullah Gülen im großen Exklusiv-Interview mit den Deutsch Türkischen Nachrichten Stellung zu kontroversen Positionen: Er spricht über die mögliche Versöhnung zwischen rivalisierenden Gruppen in der Türkei, über die Ziele der nach ihm benannten Gülen-Bewegung, über Gewalt im Islam und über die Möglichkeit seiner Rückkehr in die Türkei.

Fethullah Gülen. (Foto: AP)

Fethullah Gülen. (Foto: AP)

Gülen zum Verhältnis von Islam und Moderne

Deutsch Türkische Nachrichten: Glauben Sie, dass der Islam und die moderne Gesellschaft vereinbar sind? Viele Menschen im Westen glauben, dass es nur ein Entweder-Oder gibt…

Fethullah Gülen: Hier muss man zunächst fragen: Was bedeutet „Moderne“? Unser Schöpfer hat die Menschen mit verschiedenen Fähigkeiten ausgestattet. Jeder Mensch muss seine Fähigkeiten entwickeln, damit er einmal die Vollkommenheit erlangt. Eine dieser Fähigkeiten ist Ausdauer: Wir brauchen unter Umständen viel Ausdauer, damit sich Wahrheit und Gerechtigkeit in der Welt durchsetzen können. Diese Ausdauer erwerben wir durch Bildung. Die Wissenschaft schärft unser Denken, damit wir unserem Ziel näher kommen. Unsere Sicht auf die Moderne ist von diesem jahrhundertelangen Streben nach Vollkommenheit geprägt. Wir wissen aber auch, dass sich diese Grundbegabung der Ausdauer in etwas Negatives verwandeln kann. Wir nennen sie dann Starrsinn. Und dieser Starrsinn, der immer von mangelndem Wissen herrührt, führt dann sehr leicht zum blinden Glaubenseifer . So entstehen religiöse Feindseligkeiten.

Im Islam finden Sie keine Begründung für einen solchen Glaubenseifer , im Gegenteil. ¬Die Verschiedenheit der Menschen ist für uns ein besonderer Wert. Jeder Unterschied deutet in einzigartiger Weise auf unseren Schöpfer hin. Aus diesem Grund benennt der Koran die Unterschiedlichkeiten von Hautfarbe, Rassen, Sprachen, Fähigkeiten und bezeichnet die individuellen Eigenschaften als Zeichen des Schöpfers und als Notwendigkeit des Lebens. Zu verschiedenen Zeiten wurden den Menschen verschiedene Propheten gesandt, die für gemeinsame Werte einstanden. Aber die verschiedenen Lehren der Propheten berücksichtigten die nach Zeit, Raum und Bedingungen unterschiedlichen Lebensformen. Dies stellt für den Koran eine wesentliche Dimension der menschlichen Existenz dar.

Weil die Menschen aber so unterschiedlich sind, müssen sie vor allem eines lernen: In Frieden und Brüderlichkeit zu leben! Der Islam verlangt von ihnen ausdrücklich diese Lebensweise. Mehr noch: Genau deswegen sind Blutvergießen, Anarchie und Chaos mit dem Wesen des Menschen unvereinbar. Sie machen die Erde nicht zu einem lebenswerteren Ort.

Zu der Vereinbarkeit des Islams mit der modernen Gesellschaft sollte auch folgendes betont werden: Die westeuropäische Moderne ist nicht dadurch entstanden, dass sie besonders radikal vom Christentum abgerückt ist. Viele Elemente der Religion finden sich in der Moderne wieder. Das Zusammenspiel von Denken und Glauben, von Weltanschauung und Wirtschaft, von Soziologie und Politik sind Gedanken, die sich von der Religion herleiten lassen. Diese Elemente finden wir auch im Islam. Für uns ist dies in doppelter Hinsicht bedeutend: Diese Gedankenlinien beschreiben die gemeinsame Basis zwischen dem Islam und der Moderne.. Und sie geben uns die Regeln, wie Muslime miteinander in verschiedenen Gesellschaften in Frieden leben können. Das ist übrigens nicht neu: Bereits im 14. Jahrhundert haben Muslime mit Christen, Juden, Sabäern, anderen Religionen und auch Atheisten miteinander und in Frieden gelebt.

Welche Rolle sollen Religionen überhaupt in den verschiedenen Gesellschaften spielen? Wo können Religionen dazu beitragen, dass das Zusammenleben verbessert wird?

Es fällt uns heute schwer, Religionen überhaupt zu verstehen, weil wir den Menschen zu sehr auf sein körperliches Dasein reduzieren. Dessen körperliche Bedürfnisse müssen befriedigt werden. Dieser materialistischen Sicht setzt die Religion ein anderes Konzept entgegen. Dieses ist metaphysisch und sagt, dass in der gesamten Schöpfung der Sinn, an den auch die Materie gebunden ist, Priorität hat und ihm dient. Diesen Sinn erfahren wir nicht körperlich, sondern durch Herz, Verstand, Gewissen und Emotionen. So haben die Menschen einerseits das Bedürfnis nach körperlicher Gesundheit. Sie haben aber auch das Bedürfnis nach einer moralischen und geistigen Erziehung, die den Verstand, das Herz und die Seele mit einbezieht. Diese Seite sprechen die Religionen an. Die Aufgabe konnte auch nicht von der Philosophie, der modernen Psychologie oder der Psychoanalytik übernommen werden: Selbst in den modernsten Gesellschaften gibt es immer noch Religionen.

Dies hängt auch damit zusammen, dass der Mensch etwas sucht, was ihm „heilig“ ist. Er legt auf die Heiligkeit der Quelle einen besonderen Wert – was also über alle Jahrhunderte Dauer hat und auch nicht durch Zeitströmungen verändert wird. Die Religionen berufen sich auf ihren Schöpfer und auf die Propheten und haben daher eine größere Wirkung. Deshalb versuchen die Menschen auch nach Jahrhunderten noch, den Wegen von Abraham, Moses, Jesus und Mohamed (Friede sei mit ihnen) zu folgen.

Die Aufgabe der Religionen in der modernen Gesellschaft besteht also darin, dafür zu sorgen, dass die Menschen zu aller Zeit und ohne Zwang geistig und moralisch gut erzogen werden. Sie müssen sich für die Verbesserung der zwischenmenschlichen Beziehungen einsetzen – damit sich Liebe, Barmherzigkeit, Fürsorge und Hilfsbereitschaft entwickeln können. Die Aufgabe der Religionen besteht darin, der Erde Frieden und Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Darin liegt heute und in der Zukunft ihre große Verantwortung.

Wie soll aus Ihrer Sicht das Verhältnis von Staat und Religionen sein?

Es gibt ein islamisches Prinzip, das sagt: „Jede Epoche hat ihre Besonderheit, und die Zeit ist ihr Interpret. Wenn die Zeit ein Urteil fällt und eine Deutung hervorbringt, kann diesen nicht widersprochen werden.“ Dieses Prinzip sieht die Menschheitsgeschichte als einen sich evolutionär gestaltenden Prozess. Nicht alle Besonderheiten einer Epoche sind unabänderlich. Idealisierte Sichtweisen werden oft von der historischen Entwicklung widerlegt. Was heute als ideal angesehen wird, muss nicht in alle Zukunft ideal sein. Hätte man zur Zeit des Osmanischen oder Habsburger Reichs oder im viktorianischen Zeitalter in England von einer Demokratie im heutigen Sinn gesprochen, man hätte es vermutlich als grotesk empfunden.

Das gegenwärtige Verhältnis von Staat und Religion ist nicht das Ergebnis eines Kampfes des Staats mit der Religion. Es ist das Ergebnis einer Auseinandersetzung zwischen der Kirche, die sich theokratisch zu legitimieren versuchte, und dem Bürgertum. Hier konnte man sehen: Etwas, was an einer bestimmten evolutionären Entwicklungslinie als ideal gegolten hat, kann nicht für alle Ewigkeit als ideal gelten. Der Islam trägt diesem dynamischen Prozess Rechnung: Es gibt im Islam keinen Klerus und somit auch keine Herrschaft der Geistlichen. Deswegen kann es aus islamischer Sicht keine Theokratie geben. Oder: Das Prinzip der Unfehlbarkeit gilt im Islam nur für die Propheten und sonst niemanden. In den Abschnitten im Koran über die Söhne Israels wird neben dem Propheten Samuel auch der Herrscher Saul erwähnt. In der islamischen Geschichte gab es einen Kalifen als Herrscher und einen Scheich ul-Islam als den Beauftragten für die religiösen Angelegenheiten und Institutionen.

Der Islam kennt feste Wahrheiten und Normen, die die unveränderlichen Realitäten des menschlichen Wesen und des gesamten Universums ansprechen. Und er kennt solche, die gewissermaßen variabel sind. Diese entsprechen einer Art des Brauchtums, der Tradition (ma´ruf) und enthalten die wichtigsten Grundsätze einer Gesellschaft, die den wesentlichen Grundsätzen der Religion wie Glaubenswahrheiten, grundlegende Gebets-, Moral- und Verhaltensnormen nicht widersprechen. Dies sind also Prinzipien, die einer ständigen neuen Überprüfung unterzogen werden – weil sie sich ja ändern und dem Wandel der Gesellschaft unterliegen.

Diese Zusammenhänge definieren das Verhältnis der Religion zum Staat. Die Beziehung kann sich ändern. Es gibt aber auch in dieser Beziehung unveränderliche Prinzipien: Gerechtigkeit und sozialer Ausgleich, Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetz, Unveräußerlichkeit der Freiheits- und Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit und freie Wahlen. Der Staat ist kein Selbstzweck: Unser Prophet (Friede sei mit ihm) sagte: „Der Herr eines Volkes ist derjenige, der ihm dient.“ Der Staat muss dem Volk dienen. Er darf den Staatsdienst nicht als Einnahmequelle sehen, sondern als Dienst am Volk.

Gülen zum Dialog der Religionen und dessen Grenzen

In der Vergangenheit haben sich die Religionen teilweise bis aufs Messer bekämpft.. Ist das unvermeidlich, weil ja alle Religionen von sich behaupten, allein im Besitz der Wahrheit zu sein?

Das ist wahr, und es waren nicht nur die Religionen, die einander bekämpft haben – auch innerhalb einer Religion gab es Auseinandersetzungen zwischen den Konfessionen. Aus islamischer Sicht sehen wir diese Unterschiede zwischen Religionen und Konfessionen nicht als etwas Negatives. Sie entsprechen der Vielfalt der Schöpfung.

Die großen Weltreligionen wie Islam, Christentum und Judentum haben dieselben Wurzeln. Aus diesem Grund nennt Allah im Koran all diese Religionen „Islam“ – im Sinne der Hingabe zu Gott. Alle Propheten sind vom Schöpfer gesandt worden, um dieselben Grundsätze zu verkünden. Daher muss ein Muslim, um ein Muslim sein zu können, an alle Propheten – Moses, Jesus und Mohamed – und alle heiligen Bücher (Thora, Bibel, Koran) anerkennen. Alle Unterschiede sind zweitrangig und können niemals Grundlage für Streit oder Zwist sein.

Wenn die Religionen aber dennoch miteinander streiten, so sind es nicht die Religionen, die einander widersprechen. Es ist dann Streit unter den Angehörigen von Religionsgemeinschaften. Er entsteht, wenn diese Angehörigen die Religion ideologisieren oder für weltliche Ziele und Interessen missbrauchen.

Natürlich gibt es Unterschiede zwischen dem Islam, dem Christentum und dem Judentum. Aber wie schon für die Schöpfung allgemein so gilt im Islam auch für das Verhältnis der Religionen zueinander: Der Koran verabscheut nichts so sehr wie Blutvergießen, Zerstörung, Chaos und Anarchie. Die Angehörigen von Religionsgemeinschaften dürfen die Religion nicht als Waffe einsetzen. Die Aufgabe der Religion ist es, den Menschen ein Leben in Frieden auf Erden zu ermöglichen. Die Religion darf nicht für weltliche Zwecke eingesetzt werden. Sie muss in Aufrichtigkeit und mit Reinheit der Absicht (ihlas) gelebt werden. Andernfalls ist dies eine Behauptung, die keine Gültigkeit hat.

Welche Chancen bietet der interreligiöse Dialog und wo sehen Sie die Grenze dieses Dialogs?

Ich würde lieber von einem „Dialog zwischen Religionsangehörigen“ sprechen. Wenn wir vom Dialog sprechen, so meinen wir nicht, dass die Religionen auf ihre eignen Wahrheitsnormen verzichten sollen. Wir wollen aber, dass Religionen in der heutigen Welt nicht Waffen, sondern Verständigungs- und Konsensmittel werden. Die Religionen sollen einander kennenlernen und das Ideal des „friedlichen Zusammenlebens“ anstreben.

Wir wünschen uns, dass die Religionen die falschen Ansichten voneinander, die sie wegen der Geschichte und der falschen Informationen gegeneinander pflegen, korrigieren und jeden so akzeptieren, wie er ist, wie er glaubt. Darauf aufbauend sollen sie die Beziehungen zueinander gestalten.

In den vergangenen Jahrhunderten haben die Menschen oft wenig von ihrer eigenen Religion gewusst. Mit anderen Religionen kamen sie meist überhaupt nicht in Berührung. Daher waren sie natürlich anfällig für die Vorurteile, die von politischen Autoritäten geschürt wurden. Oft wurden Missverständnisse geschürt und Konflikte angefacht. So entstanden Feindschaft und Fanatismus. Heute leben wir in einer Zeit der Mobilität und der modernen Kommunikationsmittel. Wir können viel mehr voneinander wissen. Wir können blinde Gefolgschaft durch Denken, Wissen und Vernunft ersetzen. Jeder sollte seine eigene Religion ordentlich kennen. Wir gehen davon aus, dass alle Religionen dasselbe Ziel haben. Sie sollen die Erde zu einem Ort des Friedens und der Freundschaft entwickeln. Wenn man diesem Gedanken folgt, wird der Kampf der Religionen unmöglich. Durch Dialog kann diese Entwicklung natürlich sehr beschleunigt werden.

Mit Vertretern welcher Religion sprechen Sie leichter – mit Juden oder mit Christen?

In seiner vierzehn Jahrhunderte langen Geschichte hat sich der Islam Menschen aus allen Religionen zugewandt, und ermöglichte ihnen das Leben in einem Klima der Beschaulichkeit und der Religionsfreiheit. In den islamischen Ländern, besonders in den Grenzen des Osmanischen Reiches bildeten Nicht-Muslime die Mehrheit der Bevölkerung. Gemäß der Volkszählung von 1907 bildeten im Osmanischen Reich die Nichtmuslime in der Hauptstadt Istanbul 47 % der gesamten Bevölkerung. Während unserer langen Geschichte konnten sich Angehörige aller Religionen und auch Atheisten in den islamischen Ländern problemlos aufhalten.

Deshalb liegt es mir auch persönlich fern, einen Religionsangehörigen vor einem anderen zu bevorzugen. Ali (Gott sei zufrieden mit ihm) sagt: „Unter den Menschen sind Muslime unsere Brüder in der Religion. Andere sind unsere Brüder in der Menschheit”. Dieser Satz verbietet mir die Bevorzugung einer einzelnen Religion.

Ich habe es im Übrigen kaum erlebt, dass andere Menschen ihre Arme geschlossen halten, wenn Sie anderen Ihre Arme öffnen. Der Mensch ist als ein würdevolles, gnädiges Geschöpf erschaffen worden. Solange er sich nicht der menschlichen Würde gänzlich entkleidet, kann die Großherzigkeit und Gnade in seiner Seele immer für die guten Beziehungen wirken.

Gülen zu Terror und Gewalt

Seit dem 11. September 2001 muss der Islam ernsthaft einen Kampf gegen Vorurteile führen. Was wird benötigt, damit ein ausgewogenes Bild diese Vorurteile ersetzt?

Politische Haltungen, ideologische Parteilichkeit und Auseinandersetzung um Interessen können Menschen manchmal zu großen Fehlern verleiten. Vorurteile können aus Unwissenheit entstehen – sie können aber auch aus politischen Motiven geschürt werden. Seit dem Terroranschlag vom 11. September 2001 leidet der Islam unter dem latenten Vorwurf des Terrorismus – und das, obwohl bereits der Begriff Islam Erlösung, Wohlfahrt und Frieden bedeutet! Es gibt zweifellos Menschen, die aus politischen Motiven die haltlose Behauptung, der Islam sei eine Terror-Religion, weiter anheizen. Dazu gehören auch jene, die andere Menschen, die nur dem Namen nach Muslime sind, zu Terrorakten anstacheln und sie für politische Zwecke benutzen. Der Abbau dieses unzutreffenden und verbreiteten Vorurteils fällt jedoch in erster Linie den Muslimen selbst zu.

Die Muslime müssen den Islam unentwegt in seinem Kern und wirklichen Wesen veranschaulichen und darüber öffentlich sprechen. Sie müssen den Islam in seinem wirklichen Wesen vertreten und in ihrem Leben praktizieren. Wenn dies gelingt, wird die große Mehrheit der Menschen sagen: „Das ist also der richtige Islam. Die anderen, die den Boden vorbereiten und bewirken, dass der Islam und Terror nebeneinander erwähnt werden, begehen einen großen Fehler!”

In allen Religion, Systemen und Ideologien finden wir Extremisten, die die Religion in ihr Gegenteil verkehren. Wenn die Muslime ihre Religion in ihrem Kern und Wesen sichtbar machen, vertreten und praktizieren, wird der Islam nicht aufgrund von Taten verurteilt werden, die in seinem Namen niemals geschehen dürfen.

Was denken Sie über Osama bin Laden?

Ich habe nach dem 11. September gesagt: „Einer der Menschen, die ich auf der Welt am meisten hasse, ist Bin Laden, weil er das helle Antlitz des Islam getrübt und es durch ein schmutziges Bild ersetzt hat. Er hat seine eigenen Begehren als die Stelle der islamischen gestellt und war ein Vorreiter der Barbarei. Wir verfluchen derartige Gedanken und Taten ”

Ich würde heute sagen: Es geht nicht um Osama Bin Laden oder um eine andere Person. Gestern gab es Bin Laden, heute und morgen kann es andere geben. Jeder, der im Namen der Religion etwas Falsches macht und Anlass zum Missverständnis über den Islam gibt, stößt mich ab, wenn er das aus egoistischen Gründen absichtlich tut. Eine faule Frucht an einem Baum bedeutet nicht, dass es an diesem Baum nur faule Früchte gibt. Sie liefert jedoch denjenigen einen Vorwand, die nur die faulen Früchte an einem Baum sehen wollen.

Stellen Sie sich einen gesegneten und bestandfesten Baum mit Milliarden von Früchten vor, der sich überall auf der Erde verzweigt hat. Dieser Baum gibt nicht nur neue Früchte, er bringt seit Jahrhunderten Früchte hervor. Unter diesen Früchten kann es immer faule Früchte gegeben. All diejenigen, die ihre wichtige Position dazu missbrauchen, an dem Baum sich und andere Früchte verfaulen zu lassen, werden zu Mördern von all den Milliarden guter Früchte an dem Baum.

Immer wieder wird dem Islam ein latenter Hang zur Gewalt unterstellt. Wie steht der Islam zu Gewalt? Was sagen die Schriften des Propheten wirklich? Wo sind Dinge verbindlich, wo handelt es sich um historische Reminiszenzen?

Der Islam bedeutet bereits seinem Namen nach die Hingabei zu Gott und den daraus resultierenden Frieden, Ruhe, Wohlfahrt und Erlösung. Sein Ziel besteht darin, dass nicht nur im Zusammenleben der Menschen, sondern in allen Formen des Lebens – den Tieren, Pflanzen, dem ganzen Ökosystem – ein Gleichgewicht, die Ordnung, Einheit, Ruhe und Frieden herrschen sollen. Der Zweck des Islam besteht darin, Barmherzigkeit für alle Wesen zu bringen. Barmherzigkeit ist die Quelle des Friedens, des Gleichgewichts, der Ruhe, der Einheit und der Harmonie. Im „Besmele”, der wesentlichsten Formel, die wir als Muslime vor jeder guten Tat als Eingangsformel rezitieren, stellt sich unser Schöpfer als der Barmherzige und der Gnädige vor. Sogar seine Bestrafung, ist seiner Barmherzigkeit und Gnade untergeordnet.

Das bedeutet, dass der Islam in vollem Maße die Manifestation der Barmherzigkeit des Schöpfers ist. Diese Manifestation der Barmherzigkeit gilt nicht nur für die Menschen, sondern für die gesamte Schöpfung. Der Schöpfer hat das ganze Universum als eine Hilfeleistungs-Symphonie förmlich wie einen einzigen Organismus erschaffen. Nehmen Sie einen Apfel: Um einen Apfel zu bekommen, braucht man einen Apfelkern. Selbst die Arbeit aller Menschen kann diesen nicht hervorbringen. Man hat Bedarf nach der Keimfähigkeit und der Fähigkeit zum Apfel-Werden. Man hat Bedarf nach der lebendigen Erde, nach der Sonne mit ihrer Wärme und ihrem Licht. Man hat Bedarf nach der Erdkugel mit ihren Bewegungen um sich und der Sonne herum; nach Nächten, Tagen und Jahreszeiten, nach dem Wasser und Regen und nach einer makellosen Hilfeleistung aller Elemente im Rahmen bestimmter Maßstäbe. Für einen Apfel arbeitet quasi das ganze Universum zusammen!

Für den Schöpfer, der das Universum und den Menschen in so einer Komposition als einzelne Organismen erschaffen hat, sind Hass und Feindseligkeit das Verabscheuungswürdigste überhaupt. Nichts ist so schlimm wie das Zerstören des Gleichgewichts, des Friedens, der Ordnung, Ruhe und Harmonie im Leben der Menschen und des Universums. Der Koran missbilligt und verbietet dieses Zerstören des Gleichgewichts, Friedens, der Ordnung, Ruhe und Harmonie in vielen Versen. Er bezeichnet das Blutvergießen und Zwietracht als die zwei Dinge, die dem Wesen des Menschen am meisten zuwiderlaufen.

Der Koran geht sogar noch weiter: Er schreibt vor, dass wir einander für gute Taten helfen und verbietet ausdrücklich die gegenseitige Hilfeleistung für das Begehen von Sünden und Feindseligkeiten.

Ganz zu schweigen davon, dass der Islam der Gewalt den Weg bahnen würde: Der Prophet des Islams (Friede sei mit ihm) befehlt sogar einem Menschen, der einem anderen Menschen ein Messer zum Nutzen gibt: Er solle ihm das Messer mit dem Handgriff reichen und nicht mit der scharfen Seite. Wenn ein Tier geschächtet werden soll, so darf das Messer dem Tier nicht gezeigt werden, befiehlt unser Prophet. Er verbietet während einer Schlacht aus Rachegefühlen Körperteile wie Ohren, Nase, Hand, Arm abzuschneiden. Solch eine Religion liefert niemals Anlass zu Gewalt.

Der Islam befiehlt, dass nicht nur das Ziel, sondern auch das Mittel zum Ziel absolut rechtmäßig sein muss. Diese Norm kann auch nicht durch einen historischen Kontext außer Kraft gesetzt werden. Der Islam befiehlt nicht, mit aller Gewalt und um jeden Preis als Sieger dazustehen. In jedem Schritt sollen wir Muslime uns so verhalten, dass die Gotteszufriedenheit der einzige Kurs ist, dem wir folgen.

Daher kann zum Krieg nur dann als letzter Ausweg gegriffen werden, wenn zwischenstaatliche Problemen nicht durch diplomatische Beziehungen politisch gelöst werden können. Der Islam macht im Falle eines Krieges zur Bedingung, dass dieser unbedingt im Rahmen rechtlicher, moralischer und menschlicher Normen stattfinden muss.

Gülen zu Wissenschaft, Toleranz und Bildung

Glaube und Wissenschaft sind ebenfalls Konfliktfelder. Im Grunde muss jede Religion dieses Verhältnis neu definieren. Wie sieht die islamische Perspektive aus?

Diese Frage ist von großer Bedeutung und stellt sich in der Tat für alle Religionen. Manche Forscher vertreten die Meinung, dass das Christentum im Westen das Priestertum und die Liebe zu sehr in den Vordergrund stellt und den Verstand und die Wissenschaft nicht auf gleichem Maß sieht. Dies führte dazu, dass die “Natur” mit der Zeit als ein Vorhang betrachtet wurde, der den Menschen von Gott und von der Gottesliebe trennt.

Ich glaube, dass es eher um die Verurteilung der profanen Welt ging und nicht um die Verurteilung der ganzen Natur. Der Kampf zwischen der Kirche und dem progressiven Bürgertum entwickelte sich zu einem Kampf zwischen Religion und Wissenschaft, da das Bürgertum in diesem Kampf viel mehr die Naturwissenschaften, das heißt die positiven Wissenschaften und die von ihr entwickelten Technologien vereinnahmte.

Durch den Dualismus von Descartes kam es zu einem Kompromiss, und die Bereiche von Religion und Wissenschaft wurden getrennt. Die Religion wurde als ein dogmatisches Gebäude gesehen, die nicht unbedingt eine rationale, logische und wissenschaftliche Dimension aufweisen muss.

Diese Trennung von Religion und Wissenschaft wurde zu einem wichtigen Faktor bei der Entstehung und Verbreitung des Positivismus und Materialismus im Westen. Die Wissenschaft wurde vom Glauben und dem daraus resultierenden Verantwortungsgefühl und der Furcht vor dem Jenseits getrennt.

Neben vielen Segnungen diente die Wissenschaft in den unersättlichen Händen des Menschen auch zur Erfindung der tödlichsten Waffen. Nach dem berühmten Ausdruck von Einstein wurde die Religion ohne Wissenschaft blind, und die Wissenschaft ohne Religion lahm. Es ist kein Zufall, dass die blutigsten, weltweiten Kriege der Menschheitsgeschichte im 20. Jahrhundert ausbrachen. Deshalb muss die Thematik auch unter diesem Aspekt betrachtet werden.

Der Islam betrachtet die Beziehung zwischen Religion und Wissenschaft anders. Unser Schöpfer hat uns drei Bücher gegeben: Den Koran als „offenbartes“ Buch, den Menschen und das Universum als „erschaffene“ Bücher.

Das Buch der Religion und die beiden Bücher, der Mensch und das Universum, heben sich gegenseitig nicht auf. Sie widersprechen einander nicht, ganz im Gegenteil: Sie bedingen einander und erklären sich gegenseitig. Das Buch der Religion, das Universum und der Mensch sind der Ausdruck derselben Bedeutung. Sie interpretieren einander und helfen, dass sie verstanden werden. Sowohl das Universum, als auch der Mensch und das Buch der Religion sind drei Bücher, die uns vom Schöpfer berichten.

Von dieser grundlegenden Tatsache ausgehend trennt der Islam das Wissen und den Glauben nicht voneinander und betrachtet sie nicht als widersprüchlich. Der Mensch, der nicht nur über einen physischen Körper, sondern auch über Verstand, Herz und Gefühl verfügt, sucht auf jeder Stufe des Lernens nach mehr Wissen und besserem Verständnis.

Das ist der Grund, warum die Muslime in den ersten fünf Jahrhunderten ihrer Geschichte in allen Wissenschaftsbereichen eine glanzvolle Arbeit leisten konnten und diese Wissenschaften riesige Fortschritte machten. Vor allem die Naturwissenschaften, die den Kosmos und Mensch erforschten, wurden nach den Kreuzzügen nach Andalusien und Sizilien in den Westen gebracht und setzten ihre Entwicklung dort fort. In den Augen des Islam und der Muslime ist die Wissenschaft ein heiliges, religiöses Bestreben. Ein Koranausleger, Hadith-Wissenschaftler, islamischer Rechtswissenschaftler, Sufi konnte gleichzeitig ein Mathematiker, Chemiker, Mediziner und Astronom werden. Diese wurden niemals als widersprüchlich wahrgenommen, sondern als einander dienende, unterstützende und vervollständigende Gebiete. Diese Sichtweise kann heute im Hinblick auf das Verhältnis von Mensch und Technologie sehr hilfreich sein.

In der modernen Gesellschaft sind Toleranz und Emanzipation wichtige Werte. Sind diese mit dem Islam vereinbar?

Der Koran spricht alle Menschen an. Er ist keineswegs diskriminierend und separierend, er will sich für alle Menschen öffnen. Der Islam sieht alle Menschen prinzipiell als die Angehörigen einer Familie, und er möchte, dass die Beziehungen zwischen den Familienangehörigen im Rahmen von Annehmlichkeit, Gefälligkeit und Güte verlaufen. Diese Verhaltensformen gelten nicht nur gegenüber Muslimen, sondern allen Menschen außer den kriegswilligen Angreifern.

Der Islam verbietet den Zwang zum Glauben. Niemand darf zur Annahme des Glaubens gezwungen werden. Der Ton des Koran gegenüber den Christen, Juden und Sabäern, die er Besitzer von Offenbarungsschriften nennt, ist versöhnlich und tolerant. Alle sollen in „würdiger Weise auf Erden wandeln“, und die Anrede an alle soll „Frieden!“ lauten.

Der Islam kann auf vierzehn Jahrhunderte des Pluralismus verweisen. Die 1963 durch die katholische Kirche begonnene Bewegung des Dialoges und der Toleranz gegenüber Juden und Muslimen war von Beginn an ein Bestandteil des täglichen Lebens im Islam.

Die erste Tätigkeit des Propheten, als er nach Medina auswanderte, war es mit den dort lebenden Juden und Polytheisten, eine gemeinsame schriftliche Verfassung des friedlichen und brüderlichen Zusammenlebens zu formulieren.

Die Beipiele der Toleranz, des Zusammenlebens und des Dialogs in vierzehn Jahrunderten islamische Geschichte würden Bände füllen. Eines sei besonders hervorgehoben: Vor dem Tod unseres Propheten kamen 60 Christen aus Nadschran nach Medina. Sie tauschten sich über Islam und Christentum mit dem Propheten aus. Schließlich fassen sie den Entschluss Christen bleiben zu wollen. In dieser Zeitspanne wird ihnen erlaubt, im Mescid-i Nebewi, der Prophetenmoschee schlafen und ihre christlichen Gottesdienste verrichten zu können. Zuletzt wird mit ihnen eine Vereinbarung getroffen. Die Vereinbarung mit dem im islamischen Raum lebenden Christen sah unter anderem das Recht auf eine umfassende, freie Religionsausübung vor.

Als Sultan Mehmed der Eroberer 1453 Istanbul erobert hatte, erlaubte er die Einwanderung der Juden vom Balkan nach Istanbul. Er förderte sogar die Einwanderung der Juden aus den europäischen Ländern in das Osmanische Reich. Als ein Ergebnis dessen wanderten Juden aus vielen europäischen Ländern dorthin. Der Brief, den Rabbi Isaac Tzafarti als ein Jude unter den Eingewanderten an die Juden in Deutschland schrieb, ist von großer Bedeutung. Er zeigte, wie das Leben der Nicht-Muslime in muslimischen Ländern aussah und welche Rechte und Freiheiten der Islam ihnen zugesprochen hatte.

Die Muslime erlaubten Angehörigen anderer Religion unter ihrer Verwaltung nicht nur die freie Religionsausübung, sondern sie fanden auch keinen Nachteil daran, wenn eine Moschee, Kirche oder Synagoge nebeneinander lag. Es ist sogar erlaubt, dass in demselben Gotteshaus in einem Bereich Muslime und in dem anderen Christen oder Juden beten.

Was die Frage der Freiheiten anbetrifft: Bei der Betrachtung der Freiheit gibt es zwischen dem Islam und den modernen Systemen manche Unterschiede. Da ist zunächst die Freiheit des Einzelnen. Der Islam möchte den Menschen davor bewahren, in etliche vergängliche und zwecklose Begierden, Gewohnheiten oder Praktiken zu geraten, die ihm persönlich und anderen Menschen schaden. Er will auf keinen Fall, dass der Mensch zum Sklaven der Selbstsucht, seiner materiellen Wünsche und Triebe wird. Er fördert die seelische, spirituelle und moralische Größe und menschliche Tugenden.

Zweitens bewertet der Islam alle Menschen gemäß der monotheistischen Überzeugung als Gottesdiener. Dem Islam nach ist jeder Mensch ein von Gott erschaffener Diener. Alle Menschen sind gleich.. Kein Mensch ist dem anderen überlegen und keiner darf über den anderen verfügen.

Die Rechte und Freiheiten, die die Vereinten Nationen vor weniger als einem Jahrhundert als grundlegende Rechte und Freiheiten verkündet haben, sprach der Islam schon vor Jahrhunderten der ganzen Menschheit zu. Nach den Vorschriften des Islams sind folgende fünf Grundrechte und Freiheiten zu garantieren: Recht und Freiheit auf das Leben; Recht und Freiheit auf Meinung, Religion und Glaubensausübung; Recht und Freiheit auf privates Eigentum; Recht und Freiheit auf geistige und körperliche Gesundheit; Recht und Freiheit auf Eheschließung und Familiengründung. Der Islam sieht die schwersten Strafen für diejenigen vor, die diese grundlegenden Rechte und Freiheiten verletzen. Er bewertet zum Beispiel das ungerechte Töten eines Menschen wie das Töten aller Menschen, und das Retten vom Leben eines Menschen wie das Retten des Lebens aller Menschen.

Die Bewegung, die sich auf Sie beruft, hat sich die Bildung auf die Fahnen geschrieben. Warum?

Bildung und Erziehung sind die wichtigsten Dimensionen des menschlichen Lebens. Der Mensch erhebt sich durch lebenslanges Lernen zur wahren Menschlichkeit. Das Leben des Menschen ist wie eine Reise. Es gibt eine weltliche Phase, von der Geburt bis zum Tod. Danach gelangt die Seele ins Jenseits. Zu Beginn seiner Reise ist der Mensch in einem äußerst hilflosen und bedürftigen Zustand. Er kann ohne Hilfe nicht überleben. Dies unterscheidet ihn fundamental vom Tier. Das Tier hingegen kommt in einem Zustand zur Welt, in dem ihm beinahe alles beigebracht worden zu sein scheint. Bald nach der Geburt lernt das Tier in sehr kurzer Zeit die Gesetze des Lebens und gewöhnt sich an das Leben. Die Hauptaufgabe des Tieres besteht also nicht darin, durch Lernen Vollkommenheit und durch Kunstfertigkeit Fortschritt zu erreichen. Seine Aufgabe besteht darin, entsprechend seiner Anlagen zu handeln und dadurch seinem Schöpfer zu dienen.

Der Mensch dagegen muss von Geburt an lernen. Er kennt die Gesetze des Lebens nicht. Er kann erst nach ein bis zwei Jahren aufstehen und laufen, frühestens nach fünfzehn Jahren lernt er, seine Nachteile und Interessen zu unterscheiden. Die Hauptaufgabe des Menschen besteht also darin, unter Beweis zu stellen, dass er die Fähigkeit dazu besitzt, ein Leben in höheren Welten zu führen. Er kann durch Bildung eine Richtung für seine Reise finden und Klarheit im Denken erlangen. So kann er seine Aufgabe als Gottesdiener erfüllen, das Geheimnis des Seins begreifen und sich zum wahren Menschheitshimmel erheben.

Der Mensch ist außerdem ein Wesen mit einem freien Willen. Über den Willen zu verfügen bedeutet, dass der Mensch ständig zwei Alternativen hat. Er kann das Richtige oder das Falsche tun, er kann entscheiden, welchem von beiden er den Vorzug gibt. Sein Leben besteht aus der Gesamtheit solcher Entscheidungen. Aus diesem Grund ist die Entscheidung darüber, was falsch oder richtig ist, nicht nur die wichtigste Dimension des menschlichen Lebens, sondern das erste Mittel zu einem würdevollen und sinnvollen Leben. Die Fähigkeit der Unterscheidung kann nur mit präziser und perfekter Bildung ermöglicht werden.
Bildung und Erziehung sind nicht nur für die Individuen, sondern auch für die Gesellschaften von vitaler Bedeutung. Als Individuum ist der Mensch in dem Maße ein Mensch, in dem seine Gefühle gebildet sind. Der den Körper betreffende Teil der Erziehung kann vielleicht jeder erfassen. Entscheidend ist es jedoch die geistige, emotionale und seelische Erziehung zu verstehen und anzuwenden.

Die Völker erhalten ihre Existenz mit neuen Generationen aufrecht. Jedes Volk, das seine Zukunft garantieren möchte, muss einen Teil seiner Möglichkeiten auch für Kinder und Jugendliche, die die erwachsenen Menschen von morgen sind, gebrauchen. Viel Energie wird für nutzlose Dinge verschwendet. Aber alles, was für die Erhebung der neuen Generationen zur wahren Menschheit ausgegeben wird, wird wie eine unerschöpfliche Einnahmequelle weiter existieren.

Das wahre Leben ist für den Menschen nur mit Wissenschaft und Bildung möglich. Die Positionen und die Würde, die man durch Wissenschaft und Bildung erhält, sind höher und langlebiger als die Positionen, die durch andere Wege erreicht werden.

Gülen zu “seiner” Bewegung und der Lage in der Türkei

Die nach Ihnen benannte Bewegung wird oft angefeindet. Man unterstellt ihr, dass sie eine versteckte Agenda hat; dass sie staatliche Organisationen unterwandert, um irgendwann den Gottesstaat auszurufen. Was sagen Sie zu diesen Vorwürfen?

Verstehen Sie bitte meinen unziemlichen Ausdruck nicht falsch. Ich hatte nie den Anspruch, etwas besonderes zu sein. Um Ihrer Frage aber deutlich zu beantworten: Gibt es in der Geschichte irgendeinen Propheten, dem nicht etwas vorgeworfen wurde? Unzählige Propheten wurden ermordet, viele wurden gezwungen, ihre Heimat zu verlassen. Einer der Gemeinsamkeiten aller Propheten war jedoch, dass sie für ihre religiösen Vermittlungen von den Menschen nichts erwarteten. Wenn sogar unschuldige Menschen wie die Propheten zu Unrecht beschuldigt, ja sogar getötet wurden, dann ist niemand vor unbegründeten Vorwürfen gefeit – selbst, wenn er alles nur zum Wohl der Menschen unternimmt.

Außer den Propheten waren tausende Wissenschaftler und Heilige den schwersten Vorwürfen ausgesetzt. Viele wurden gar hingerichtet oder verbrannt, obwohl sie für das Wohl der Menschen gearbeitet hatten. Sie werden beschuldigt, wenn Ihre Tätigkeiten, auch wenn Sie gar keine weltbezogene Interesse haben, manche Menschen stören, die sich daran gewohnt haben, ihre Ideologien für ihre eigene Interessen zu benutzen. Sie werden irgendwelchen Vorwürfen ausgesetzt, wenn diese sich mit Intrigen und Komplotts in „staatliche Institutionen eingeschlichen“ haben – nicht zuletzt, weil alle von den anderen immer nur das Schlechteste annehmen.

Ich habe eine religiöse Identität und habe in der Türkei lange Jahre als ein Staatsbeamter das Amt eines Imams und eines Predigers ausgeübt. Insofern müssen die Anschuldigungen gegen meine Person solche Anschuldigungen sein, die sie sich für die Tagespolitik am besten eignen. Ich bin seit 1958 mit meinen offiziellen Diensten, Artikeln, Predigten und Taten öffentlich tätig. Mit diesen Anschuldigungen, die Sie genannt haben, hat man gegen mich vor allem in Putschzeiten Klagen erhoben. Seit über 50 Jahren konnten jedoch keine Beweise vorgebracht werden, die diese Anschuldigungen rechtfertigen. Jede Anklage gegen mich endete mit Freispruch. Auch bei dem Verfahren, das in der Ära „28. Februar” gegen mich eröffnet wurde, bestätigte der Kassationshof einstimmig meinen Freispruch. Darüber hinaus wurde kein einziger von den Millionen von Menschen, die nach Behauptungen der „Bewegung” angehören sollen, irgendwo in der Welt wegen der genannten Anschuldigung verurteilt. Ist es nun nicht klar und deutlich, wie sinnwidrig Anschuldigungen solcher Art sind?

Die Türkei befindet sich in einem tiefgreifenden Wandel. Worin besteht der Beitrag, den die Bewegung in der Türkei spielen kann?

Evolution ist ein wesentlicher Bestandteil des Daseins. Keine Gesellschaft kann an einem bestimmten Punkt stehen bleiben, vor allem in einer Zeit, in der die Kommunikations- und Verkehrsmittel weit entwickelt sind, die Informationstechnologie keine Grenzen kennt und der „Wandel“ zum faszinierendsten und wirkungsvollsten Begriff geworden ist.

Auch die türkische Gesellschaft erlebt einen Wandel, und zwar seit ein paar Jahrhunderten. Wir sind eine Gesellschaft, die in Richtung der Verwestlichung geht. Wir haben es geschafft, nach der konstitutionellen Monarchie endlich zur Republik zu gelangen. Wir führten in der Zeit der Republik bestimmte Reformen durch und etablierten vor 61 Jahren durch die Einführung des Mehrparteiensystems die Demokratie. Diese ständig vorwärts laufende Bewegung unserer Gesellschaft wurde aber- und abermals blockiert, und zwar von denjenigen, die die Türkei zum Status quo verurteilen wollen. Sie haben Angst vor dem Wandel der Gesellschaft, was gleichzeitig einer der Gründe für die Anschuldigungen gegen meine Person ist. Die Gesellschaft wird jedoch ihre nach fortschrittliche Bewegung beibehalten. Nach 1980 gelangte die Türkei durch den Druck im In- und Ausland zur freien Marktwirtschaft. Durch die Entwicklung zur freiheitlichen Demokratie- und Rechtsstaatlichkeit in den vergangenen zehn Jahren kann heute auch von einem gewissen Fortschritt gesprochen werden.

Ich muss offen gestehen, dass ich die Frage, welchen Anteil die „Bewegung”, die mir zugeschrieben wird, nicht beantworten kann. Diese „Bewegung” oder besser „freiwillige Gemeinschaftsarbeit“ gehört nämlich nicht zu einer bestimmten Gruppe der Gesellschaft. Menschen aus allen Teilen der Gesellschaft nehmen an dieser Gemeinschaftsarbeit teil. Daher ist es schwer abzuschätzen, welchen Beitrag sie zu diesem Wandel geleistet haben. Ihre Rolle mit Bildungs-, Toleranz-, und Dialogaktivitäten können vielleicht dazu gezählt werden, dazu braucht man allerdings vielleicht eine umfassende soziologische Forschung.

Wird es in der Türkei immer die zwei Gräben zwischen Kemalisten und Muslimen geben – oder kann es da nicht einmal zu einem pragmatischen Nebeneinander, oder gar einer Versöhnung kommen?

Diese Frage setzt voraus, dass unter den Kemalisten keine Muslime und unter den Muslimen keine Kemalisten zu finden sind und diese beiden Gesellschaftsteile absolut widersprüchlich sind. Ich sage das, nicht weil ich die Frage korrigieren möchte, sondern um den Kern des Problems, das Sie genannt haben, hervorzuheben. In der Türkei kann weder von zwei Gruppen gesprochen werden, die sich deutlich in Muslime und Kemalisten trennen, noch von einem unüberbrückbaren Abgrund zwischen diesen zwei Gruppen. Wir sind das Erbe einer „Imperiums-Gesellschaft”, geprägt von einem ineinander verschlungenen Mosaik.

Wir lebten Jahrhunderte lang als ein Mosaik der Völker, Religionen und Sprachen mit Muslimen, Christen, Juden, Sunniten, Aleviten, Türken, Kurden, Tscherkessen, Griechen, Bulgaren, Bosniaken, Serben und Arabern. Die türkische Gesellschaft ist das Erbe dieses Mosaiks und weiß mit anderen Menschen, egal aus welcher Religion, Rasse oder Ethnizität, gemeinsam brüderlich zu leben. In der Türkei gibt es leider, zum Teil auch auf Grund ausländischer Einflüsse, sehr kleine aber einflussreiche Gruppen, die sich von diesem brüderlichen Miteinanderleben gestört fühlen, weil es ihren Interessen zuwiderläuft. Es gibt keine zwei voneinander gelösten Gruppen von Muslimen und Kemalisten. Ich hoffe persönlich, dass auch diese kleinen Gruppen, die ich gerade erwähnt habe, eines Tages die Tatsache erkennen werden, dass es zu ihrem Vorteil und in ihrem Interesse ist, sich in das Gesellschaftsmosaik der Türkei zu integrieren, deren Vielfalt einen Reichtum darstellt. Dies ist auch im Interesse der Welt, wenn man die Bedeutung der Türkei und unserer Region in der Welt in Betracht zieht.

Werden Sie noch einmal in die Türkei zurückkehren?

Natürlich sehne ich mich nach meiner wunderschönen Heimat. Heimweh ist etwas, was jeder einsame Mensch hat und diesen Schmerz kann nur das Wiedersehen stillen. Dazu kann ich nur sagen, dass ich ein freiwilliger Gefangener des Schicksals bin.

Welche Botschaft haben Sie für die Muslime in Deutschland?

Gott bewahre! Ich bin nicht in der Position, an andere Menschen Botschaften zu formulieren. Als ein Diener Gottes, der die Hoffnung hegt, Seine Zufriedenheit zu erlangen und an diesem Ziel den Dienst an Menschen als eine wichtige Dimension der Gottesverehrung betrachtet, kann ich jedoch folgendes sagen: Es ist die Aufgabe der Muslime in einer gloablisierten und einem großen Dorf gleichenden Welt, in der jeder zu jedem nachbarliche Beziehungen hat, gemäß den Nachbarschaftsprinzipien zu verhalten, die der Islam für wichtig hält. Es ist ihre Aufgabe und zu ihrem Vorteil, wenn sie sich dessen bewusst sind, dass unser Prophet (Friede sei mit ihm) als ein Segen für alle Welten gesandt wurde. Deshalb muss sich jeder Muslim als ein Mensch des Segens verhalten. Er soll sich vor jedem Verhalten fern halten, das das unbefleckte und helle Antlitz des Islam verdunkeln kann.

Welche Botschaft haben Sie für die Nicht-Muslime in Europa?

Wie ich bei der vorherigen Frage aufgezeigt habe, finde ich es von großer Bedeutung, dass sich alle nach Prinzipien verhalten, die bei Muslimen und Nichtmuslimen Akzeptanz finden. Insofern ist es im Interesse der ganzen Welt und der Menschheit den Sinnspruch von Ali, der auch zuvor schon erwähnt wurde, den Ehrenplatz zu einzuräumen: „Die Menschen aus unserer Religion und Überzeugung sind unsere Brüder in der Religion. Andere sind unsere Brüder in der Menschheit.”

Das Gespräch führten Süleyman Bag, Ercan Karakoyun und Michael Maier

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  1. Albert Albern sagt:

    Herr Fethullah Gülen ist ein gläubiger Philosoph. Das muss kein Widerspruch sein…
    Bei Philosophen muss man auf jedes Wort achten. Sonnt kann man die tiefgreifenden Gedanken missverstehen, weil mein unter einem einzigen Wort etwas anderes verstehen kann, als was der Philosoph wirklich sagen will.
    Bereits im ersten Absatz Herrn Gülens Aussage wird dieses Problem sichtbar. Herr Gülen reagiert auf die Frage nach Vereinbarkeit des Islams mit mit der modernen Gesellschaft so:
    „Hier muss man zunächst fragen: Was bedeutet „Moderne“?“
    Unabhängig davon, ob die Frage: Was bedeutet „Islam“ zwischen Herrn Gülen und den nach Wissen und Weisheit begehrenden Journalisten bereits geklärt wurde, weist Gülen an die Fähigkeiten der Menschen hin, die erst entwickelt werden müssen. Das ist nachvollziehbar. Jeder Mensch fängt an einem Null-Punkt an und hat am Anfang seiner Entwicklung keine Ahnung vom Gott, von den Fahrplänen der deutschen Bundesbahn oder von den Verhütungsmitteln. Und kann daher als ziemlich primitiv und unmodern bezeichnet werden.
    Die gestellte Frage hieß aber:
    „Glauben Sie, dass der Islam und die moderne Gesellschaft vereinbar sind?“
    Es ging also nicht um einen einzelnen Menschen, sondern um die Gesellschaft, die wahrlich nicht am Anfang ihrer Entwicklung steht. Die „moderne“ Gesellschaft hat sehr viel Wissen angesammelt. Allein im Vergleich zu der Gesellschaft vor hundert Jahren verfügt die heutige Gesellschaft ungeheuer mehr Wissen als damals. So ist es zu erwarten, dass in den nächsten hundert Jahren die Menge am Wissen noch mehr ansteigen wird, es sein denn, die Menschen wollen nichts mehr wissen, weil sie endlich die Bescheidenheit gelernt haben…
    In der Frage geht es also nicht um die „moderne“ Gesellschaft, sondern um die HEUTIGE Gesellschaft mit ihrem angesammelten Wissen und ihren Weltvorstellungen.
    „Glauben Sie, Herr Gülen, dass der Islam und die heutige Gesellschaft vereinbar sind?

    Und darauf antwortet Herr Gülen:
    „Jeder Mensch muss seine Fähigkeiten entwickeln, damit er einmal die Vollkommenheit erlangt.“
    Was weiß aber die heutige Gesellschaft über die „Vollkommenheit“? Und was meint Herr Gülen mit der „Vollkommenheit“?
    http://de.wikipedia.org/wiki/Vollkommenheit
    oder:
    http://www.google.de/search?q=Vollkommenheit&ie=utf-8&oe=utf-8&aq=t&rls=org.mozilla:de:official&client=firefox-a&source=hp&channel=np

    Meint Herr Gülen die göttliche Vollkommenheit, die der Mensch erst selbst mühsam erreichen muss, weil Gott selbst unfähig war, die Menschen von Anfang an zu seiner Zufriedenheit vollkommen zu schaffen? Und will der liebe Gott nur wegen seiner tiefen Unzufriedenheit mit seiner misslungenen Schöpfung – den Menschen, alles Unfähigen, welche die Vollkommenheit nicht erreicht haben, in den Konzentrationslager der Hölle abschieben lassen?
    Das müsste Herr Gülen der „modernen“, also der heutigen humanen Gesellschaft sorgfältig erklären! Natürlich nur dann, wenn er von der „modernen“ Gesellschaft verstanden werden will…

    Doch Herr Gülen führt fort:
    „Eine dieser Fähigkeiten ist Ausdauer: Wir brauchen unter Umständen viel Ausdauer, damit sich Wahrheit und Gerechtigkeit in der Welt durchsetzen können.“
    Dem kann man natürlich zustimmen. Wenn wir uns aber Fragen, was „Wahrheit“ und „Gerechtigkeit“ seien, dann müssen wir mit ziemlich ausuferndem Streit in der Gesellschaft rechnen. Und dazu muss die Gesellschaft noch nicht einmal besonders modern sein.
    Wer entscheidet in einer „modernen“ Gesellschaft darüber, was Wahrheit und was Gerechtigkeit ist? Mit Sicherheit nicht Herr Gülen. Deswegen müsste uns Her Gülen möglichst genau erklären, was er mit „Wahrheit“ und „Gerechtigkeit“ meint. Sonst denkt sich jeder Mensch das Seine und die Kluft zwischen dem Philosophen und dem einfachen Menschen bleibt riesengroß.
    „Diese Ausdauer erwerben wir durch Bildung.“
    sagt Herr Gülen weiter. Nur braucht der Mensch bereits ausreichend Ausdauer, um Bildung zu Ende zu bringen. Angefangen bei den Schulabbrechern bis zu den Studenten an den Unis, die vorzeig die Segeln streichen.
    „Diese Ausdauer erwerben wir durch Bildung.“
    Ist es ein Versprechen von Herr Gülen? Und wer muss dann dieses Versprechen erfüllen?

    Doch Herr Güllen spricht weiter:
    „Die Wissenschaft schärft unser Denken, damit wir unserem Ziel näher kommen.“
    Was ist „unser Ziel“???
    Die Wissenschaft hat natürlich ihre eigene praktische Ziele. Was ist aber „unser Ziel“, dem wir dank dem verschärften Denken näher kommen können?
    Damit wir das Ziel „unser“ nennen können, müssten wir uns in einer Gesellschaft schon irgendwie daran einigen, was „unser Ziel“ ist. Und auch dazu muss die Gesellschaft nicht besonders modern sein. Nur der Verlauf der Einigung wird sich bei einer patriarchalen und einer „modernen“ Gesellschaft etwas unterscheiden. Nicht nur dadurch, dass die Frauen in einer der Gesellschaften deutlich mehr mitreden können…

    Und dann erklärt uns Herr Gülen:
    „Unsere Sicht auf die Moderne ist von diesem jahrhundertelangen Streben nach Vollkommenheit geprägt.“
    Und das Stimmt nicht. Unter „Moderne“ verstehen wir Umbruch, beziehungsweise die Überwindung der Tradition: Steinigung, sich die Seife in die Haare zu schmieren und Ähnliches. Auch wenn die Steinigung und die Seife in den Haaren zu ihren jeweiligen Zeiten sehr modern waren. Es ging also nicht um die bislang ungeklärte „Vollkommenheit“, sonder einfach darum, was ist besser: Immer noch steinigen oder sich lieber die Seife in die Haare schmieren?

    Und mit diesen mahnenden Sätzen wird der erste Absatz Herrn Gülens Aussage beendet:
    „Wir wissen aber auch, dass sich diese Grundbegabung der Ausdauer in etwas Negatives verwandeln kann. Wir nennen sie dann Starrsinn. Und dieser Starrsinn, der immer von mangelndem Wissen herrührt, führt dann sehr leicht zum blinden Glaubenseifer . So entstehen religiöse Feindseligkeiten.“
    Wenn es nur daran läge, dass wir die Ausdauer hier und da auch übertreiben können, dann gäbe es praktisch keine religiösen Feindseligkeiten! Weil wir die Ausdauer nach Gülens Aussage erst durch die Bildung erreichen. Wer von uns ist so gebildet und hat so viel Ausdauer, um sich religiöse Feindseligkeiten leisten zu können?

    Nein! Die religiösen Feindseligkeiten entstehen aus der EINBILDUNG!
    Die Menschen bilden sich was ein und sind dadurch bis zur Unversöhnlichkeit eingebildet…

    Wenn man einen Philosophen richtig verstehen will, muss man fast jedes Wort unter die Lupe nehmen. Was meint Herr Gülen mit dem Wort „Bildung“? Es waren schon immer die Priester, Prediger oder die Islam-Gelehrten, welche als besonders gebildet galten und bis heute gelten. Und es waren und sind diese „besonders“ gebildeten Priester, Prediger oder die Islam-Gelehrten, von denen die religiöse Feindseligkeit ausging und bis heute ausgeht. Natürlich nicht von allen! Und deswegen ist es so wichtig zu wissen, was mit der Bildung gemeint ist…

    • Orakel sagt:

      Der “Philosoph”, Albert Albern, hat gesprochen…

      Auch Albert Albern bildet sich was ein…
      oder glaubt er gar ein “Phrophet” zu sein?!

      • Albert Albern sagt:

        Ein denkender Mensch ist noch lange kein Philosoph. Eine denkender Mensch stell sich Fragen. Ein Philosoph versucht die Fragen zu beantworten. Natürlich kann sich ein Philosoph zum Prophet erheben und sagen: Die Antworten auf eure Fragen kommen nicht von mir, sie wurden mit von Gott mitgeteilt, sie kommen also von Gott höchstpersönlich.

        Es ist selbstverständlich, dass ich mir wie jeder andere Mensch viel einbilde. Ich versuche damit aber mit den anderen Menschen nicht zu konkurrieren. Deswegen habe ich keine Chance gegenüber einem Fethullah Gülen oder dem Orakel. Die beiden sind viel erhabener.

        Ich widerspreche nur den Erhabenen wie ein trotziges Kind.

        Übrigens – danke für die Aufmerksamkeit, Orakel. Ich spüre, dass sich etwas bewegt hat…

    • Anonym sagt:

      1- Die Philosophie wird in religiösen Kreisen als “Versuch der Erklärung allen Seins ohne eine höhere Macht” beschrieben. Dies bedeutet, dass die Philosophie versucht, Gott zu widerlegen.

      2- Albert Albern schrieb:
      “Meint Herr Gülen die göttliche Vollkommenheit, die der Mensch erst selbst mühsam erreichen muss, weil Gott selbst unfähig war, die Menschen von Anfang an zu seiner Zufriedenheit vollkommen zu schaffen? Und will der liebe Gott nur wegen seiner tiefen Unzufriedenheit mit seiner misslungenen Schöpfung – den Menschen, alles Unfähigen, welche die Vollkommenheit nicht erreicht haben, in den Konzentrationslager der Hölle abschieben lassen?
      Das müsste Herr Gülen der „modernen“, also der heutigen humanen Gesellschaft sorgfältig erklären! Natürlich nur dann, wenn er von der „modernen“ Gesellschaft verstanden werden will…”

      Es ist Blasphemie, zu behaupten, dass Gott unfähig war und der Mensch ihm misslungen sei. Der Mensch versucht, die Vollkommenheit zu erlangen, welches nach islamischen Maßstäben bedeutet, Gottes Wohlwollen zu erlangen um ihm gefällig zu sein (den Islam auszuleben). Wie auch im Judentum und im Christentum wird im Islam an die Erschaffung von Adam und die Vertreibung aus dem Paradies geglaubt. Beachtet man diese Übereinstimmung, wird klar, dass Gott den Menschen nicht aus Unfähigkeit, sondern aus Prüfungszwecken nicht als blind gehorchender Diener erschaffen hat. Nicht umsonst heißt es, dass die Engel den Menschen um seinen freien Willen beneiden. Warum Gott den Menschen prüft ist umstritten. Am weitesten verbreitet ist jedoch die Theorie, dass Gott allen Seins beweisen will, welche Macht er hat, indem er das beste Wesen erschafft, welches durch seinen gesunden Verstand (den er mit seinem freien Willen nutzt), den Ursprung in Gott sieht und ihn bestätigt. Dies ist jedoch nur eine Theorie. Fakt ist aber, dass jeder wahre Muslim an die Richtigkeit des Korans glaubt und somit auch an die Aussage “Wahrlich, ich weiß, was ihr nicht wisst.” (Sure 2, Vers 30)
      Somit erübrigt sich die Frage für jeden Muslim, warum Gott ihn so erschaffen hat, wie er erschaffen wurde.
      Und meine persönliche Meinung dazu: Wenn ich mir die Welt anschaue, dann sehe ich, welch hohen Wert ich habe (und haben muss), denn alles auf der Welt scheint für mich erschaffen worden zu sein und kein Wesen auf der Erde ist meinen Eigenschaften (als Mensch) gleich.

  2. Anonym sagt:

    Nach dem ausführlichen Artikel bestehen insoweit eigentlich keine Fragen mehr zu den Ansichten Herrn Gülens. Ich hoffe, dass es in Zukunft in Deuthschland mehr gut integriet lebende Muslime nach dem Vorbild Gülens sich nach außen öffnen, um den oben beschriebenen Islam zu repräsentieren und ggf. zu verteidigen. Denn in einer Zeit wo die Medien einseitig berichten und negatives GROß und positive Entwicklungen “klein” schreiben, ist eine öffentliche Teilnahme toleranter Muslime zwingend notwendig für den Abbau von Vorurteilen und das friedlichen Miteinander.
    In diesem Sinne : Nicht nachsprechen, sondern selbst recherchieren und ERLEBEN.

  3. lisa sagt:

    „Die Menschen aus unserer Religion und Überzeugung sind unsere Brüder in der Religion. Andere sind unsere Brüder in der Menschheit.”

    • Ella sagt:

      “Brüder im Menschsein”, das ist wie ich finde die größte Herausforderung,vor die Menschen (von wem auch immer) gestellt sind.

      Wenn es einen “göttlichen” Auftrag an den Menschen geben soll und damit das,was Gläubige als sinnvolle Existenz betrachten würden,so hat dieser ganz gewiss damit zu tun,das Menschen auf Erden als erstes aufgegeben ist, einander tatsächlich als Menschen zu erweisen, als weiteres den Lobpreis der Schöpfung dadurch zu bekunden,diese zu erhalten und zu schützen, damit sie nicht ein von Menschen gemachtes vorzeitiges Ende findet.

      Ich denke,dass wir bislang an diesen Herausforderungen gescheitert sind.

  4. Sami sagt:

    Dürfte ich vielleicht fragen, wo das Interview stattfand?

    Es sind ansonsten alles schöne Phrasen, die der Herr Gülen von sich gibt.

    Scheinbar hat sich Herr Gülen von seinem früheren Weltbild und Aktivitäten distanziert.

    Er will nicht mehr den Staat unterwandern, so wie man das mit einer versteckten Kamera 1999 in diversen türkischen Sendern sehen konnte.

    Wer’s glaubt….

  5. Albert Albern sagt:

    In meinem ersten Kommentar ging es praktisch nur um die „moderne“ Gesellschaft.

    In diesem Kommentar geht es um Gottesbilder
    Weil „Anonym“ meint, ich würde in meinen Gedanken Blasphemie begehen…
    http://www.deutsch-tuerkische-nachrichten.de/2011/06/109154/#comment-8654

    In den Schriften wurde es den Menschen verboten, sich Bilder vom Gott zu machen. Dadurch wurde bei den Juden und Moslems das Malen von Bildern verpönt. Doch ganz gleich, was wir malen, wir wissen, dass wir auf keinem unseren Bildern Gott sehen können.
    Doch wissen wir das wirklich? Wir kommen nicht umhin, um uns Vorstellungen, also Bilder von Gott zu machen. Weil wir Gott irgendwie nach unseren Möglichkeiten verstehen wollen, müssen wir uns ein Bild von Gott machen.
    Allein wenn wir zu dem Schluss kommen, Gott wollte und will die Menschen prüfen, haben wir bereits eine Vorstellung von Gott. Von einem unwissenden Gott. Gott hat keine Ahnung, wie es um die Menschen steht, also muss er sie tagtäglich prüfen.

    Natürlich widerspricht diese Vorstellung mit der Information, Gott sei allwissend. Denn ein allwissender Gott weiß ganz genau, wie es um die Menschen steht, er muss sie nicht prüfen. Noch bevor ein Mensch geboren wurde, müsste ein allwissender Gott bereits wissen, wie dieser Mensch stirbt und wie sein Leben verlaufen wird. In allen Details müsste der allwissende Gott über das Leben und den Tod eines Menschen Bescheid wissen. Noch bevor der Mensch geboren wurde.

    Dass Gott allwissend sei, ist eine der zuverlässigsten Informationen, die wir über Gott haben. Weil wir die Allwissenheit aber nicht verstehen, uns schwerlich vorstellen können, machen wir uns Vorstellungen von Gott, welche der Allwissenheit Gottes eindeutig widersprechen. Wir merken es aber nicht und beten damit ein Gottesbild an, das eindeutig falsch ist. Wie beten einen falschen Gott an, wenn wir glauben, Gott würde die Menschen „prüfen“. Entweder ist Gott wahrlich neugierig, wie die Prüfung ausgeht, und dann ist er nicht allwissend. Oder Gott weiß ganz genau, wie die Prüfung ausgeht, und dann ist es eindeutig keine Prüfung, was Gott mit den Menschen so alles anstellt…

    Die zweite zuverlässige Information, die wir über Gott haben, besagt: Gott ist allmächtig! Wenn wir aber aus verschiedenen Berichten erfahren, dass Gott mit seiner Schöpfung, den Menschen, ziemlich unzufrieden sein soll, einmal sogar so sehr, dass er durch die Sintflut das ganze Leben auf der Erde vernichten wollte, dann müssen wir zu dem Schluss kommen, dass Gott in diesen Berichten als ziemlich unfähig beschrieben wurde. Gott ist enttäuscht von seinem eigenen Werk und will dieses vernichten. Gott hat es also trotz seiner Allmacht nicht geschafft, eine für ihn zufriedenstellende Welt zu schaffen. Das Experiment sei misslungen und Gott will alles vernichten.
    Und auch die Allwissenheit wird in solchen Berichten auf die Prüfung gestellt. Gott ist von den Menschen, von seiner eigenen Schöpfung enttäuscht. War er also unfähig vorauszusehen, wie die Dinge, die allein in seiner Allmacht standen, laufen werden? Hatte Gott keine Ahnung davon, was er da falsch gemacht hat, so dass er am Ende alles unter riesigen Wassermassen versenken wollte?

    Ein allwissender Gott kann nicht enttäuscht sein. Die Enttäuschung widerspricht der Allwissenheit. Enttäuschung setzt Hoffnungen voraus, von denen wir nicht wissen, ob sie sich auch erfüllen.

    Nur ein allwissender Gott kann auch allmächtig sein. Hätte Gott keine Ahnung, wie er die Erde oder die Sonne erschaffen soll, dann wäre er ziemlich ohnmächtig. Er könnte trotz seiner Macht die Erde oder die Sonnen gar nicht erschaffen.

    Die Allwissenheit und Allmacht lassen sich voneinander nicht trennen!

    Es sind also eher solche Berichte als Blasphemie anzusehen, welche Gott als enttäuschtes, verärgertes Wesen darstellen. Als ziemlich unwissendes, sehr menschenähnliches Wesen.

    Du sollst die keine Bilder machen!!!

    Und trotzdem leben wir mir verzerrten Bildern von Gott, die sich daraus ergeben, was uns alles über Gott berichtet wurde.

  6. Albert Albern sagt:

    Der freie Wille

    Viele Menschen, vor allem die gelehrten Prediger der Schrift-Religionen, erklären die Tatsache, dass Gott in vielen religiösen Berichten so ziemlich machtlos den Menschen gegenüber steht, durch den freien willen des Menschen. Gott habe den Menschen einen freien Willen geschenkt und sei daher darauf angewiesen, dass ihn die Menschen aus ihrem freien willen heraus anbeten und mögen. Gott könne die Menschen dazu nicht zwingen…
    Und im gleichen Atemzug behaupten sie, dass sich Gott unzählige Zwänge ausgedacht hätte, um den menschlichen Willen in die „richtige“ Bahn zu lenken: Alle Menschen, die Gott anbeten und seinen Anweisungen folgen, werden durch ein prächtiges Leben im Himmel belohnt. Und alle Menschen, welche das nicht tun, werden in der Hölle schmoren und vielfältigem Leiden ausgesetzt . Und da übertreffen sich die heiligen Schriften gegenseitig bei der Angstmacherei. Sie schildern Flammen, Qualen und Erniedrigungen, die sich nur ein Sadist ausdenken kann, aber kein guter Mensch.
    Und somit stellen diese Berichte Behauptungen auf, dass Gott den freien willen der Menschen nicht nur gekonnt sondern auch ziemlich brutal zu beeinflussen versucht – durch Bestechung mit dem Himmel und durch Androhung der schlimmsten Qualen in der Hölle.

    Welche Wahl hat also der Mensch?
    In diesem Fall hat der Mensch keine FREIE Wahl.

    Der freie Wille ist in Wirklichkeit ein Geschenk, nach dem die Menschen erst greifen müssen. Um dieses Geschenk wenigstens verstehen zu lernen, falls sie keinen anderen vernünftigen Nutzen bei diesem Geschenk finden sollten.

    Der Wille des Menschen ist nur geringfügig frei! Wir wollen Essen und Trinken, weil wir es MÜSSEN! Wir müssen essen und trinken, wenn wir am Leben bleiben wollen. Wir müssen zwar nicht alles essen und alles trinken, wir können dabei auch ziemlich extravagant und wählerisch sein, aber wenn wir keine andere Wahl haben, dann müssen wir alles essen oder alles trinken, was uns am Leben hält. In einem Gefängnis, wo wir nur Wasser und trockenes Brot bekommen, haben wir keine andere Wahl, als das zu essen, was wir bekommen haben. Bei einer Hochzeitsfeier können wir bei dem reichlichen Essen und Trinken so viel wählen, bis sich bei dem einen oder anderen Menschen der Magen umdreht. Also selbst dann, wenn wir eine herrliche Auswahl am Essen und Trinken haben, können wir davon nur so viel zu uns nehmen, wie viel unser Magen verträgt.

    Unser Wille ist also nur in Grenzen frei. Und diese Grenzen werden zum Einen durch unsere eigene Begrenztheit bestimmt, zum Anderen durch die jeweilige Situation, in der wir uns gerade befinden. Anders gesagt, die Grenzen, innerhalb denen unser Wille mehr oder weniger frei sein kann, werden durch die kausalen Gesetze bestimmt, denen wir Menschen genauso unterliegen wie die ganze übrige Welt.
    Doch ohne unseren Willen hätten wir von den kausalen Gesetzen keiner Ahnung. Unser Wille muss uns erst dazu treiben, dass wir uns den Magen voll fressen, damit wir erkennen können, wie begrenzt unser Magen ist und was er verträgt. Dank der Tatsache, dass uns unser Wille auf die seltsamsten Ideen bringt, lernen wir tagtäglich etwas mehr von der Welt und unseren Möglichkeiten darin. Unser Wille verführt uns dazu, die Grenzen unserer Möglichkeiten zu erkennen und zu erlernen. Und damit öffnet uns unser Wille gleichzeitig unsere Möglichkeiten.

    Ohne unseren Willen hätten wir von unseren Möglichkeiten keine Ahnung.

    Wir können also dank unserem Willen lernen, mit den Grenzen, die wir erst erkennen und erlernen müssen, möglichst vernünftig leben. Wir müssen aber keinesfalls diese Grenzen für immer akzeptieren! Seit dem wir begriffen haben, dass wir nicht wie die Vögel fliegen können, haben wir den Wunsch entwickelt, zu fliegen. Oder war es umgekehrt? Und es hat sehr lange gedauert, bis wir es gelernt haben, Flugzeuge zu bauen, mit deren Hilfe wir uns über die Schweranziehungskraft der Erde ein wenig erheben können. Hätten wir die Tatsache akzeptiert, dass wir nicht fliegen können, hätten wir mit Sicherheit keine Flugzeuge entwickelt!

    Unser triebhafter und oft sehr eingebildeter Wille ist die Grundlage unserer Lernfähigkeit! Und er öffnet uns unsere Möglichkeiten!

    Wenn wir also davon ausgehen, dass uns der Wille von Gott geschenkt wurde, dann können wir nicht anders, als zu dem Schluss zu kommen, dass uns Gott unseren eigenen bis eigentümlichen Willen zu dem Zweck schenkte, damit wir LERNEN.

    Doch in viele Schriften wird im Prinzip behauptet, Gott hätte den Menschen den „freien“ Willen geschenkt, damit sie auf dieses Geschenk höflich verzichten und lieber gehorchen, anstatt nach ihren eigenen Willen zu handeln. Und damit kommen wir zu einer Willenseinschränkung, die nicht mehr durch die kausalen Gesetze verursacht wird, sondern durch einen FREMDEN Willen. Irgendwer versucht, durch Vorschriften und Auflagen unsere Eigenwilligkeit einzuschränken.
    Seit Menschengedenken waren es die Eltern und Erzieher, die den „freien“ Willen des winzig kleinen Menschleins einschränken wollten, damit sie über die Geschicke der Kinder die Übersicht nicht verlieren. Die Kinder durften fast nie so einfach loslaufen, sie mussten immer in der Nähe bleiben. In Sichtweite…

    Wir kommen damit zu einer weiteren Erkenntnis: Unsere Wille wird nicht nur durch die kausalen Gesetze eingeschränkt, sondern auch durch den Willen der unzähligen Mitmenschen, mit denen wir irgendwie zurecht kommen müssen.

    Und nun stellt sich die Frage: Machen wir das alles FREIWILLIG?

    Wir haben eindeutig freiwillig gelernt zu fliegen! Flugzeuge zu bauen. Weil wir die Grenzen der kausalen Gesetze nicht akzeptieren wollten. Gehorchen wir auch der Mama, dem Papa, dem Lehrer, dem Polizist, dem Oberbürgermeister oder der Kanzlerin freiwillig? Akzeptieren wir die Grenzen, die uns die anderen Menschen setzen, auch freiwillig?

    Wir können der Kanzlerin nur dann freiwillig gehorchen, wenn der Wille der Kanzlerin mit unserem eigenen Willen so ziemlich übereinstimmt. Dann haben wir nicht einmal das Gefühl, zu gehorchen, sondern wir haben einfach den gleichen Willen, die gleichen Ansprüche und die gleichen Wünsche wie die Kanzlerin. Oder wir entwickeln Ansprüche und Wünsche, welche die Ansprüche und Wünsche der Kanzlerin in den Schatten stellen. Und wir können mit unseren Ansprüchen und Wünschen sogar die eigene Eltern beschämen.

    Nur wenn der Wille der ach so verschiedenen Menschen übereinstimmt, können wir von Freiwilligkeit ausgehen. Wenn uns aber die Kanzlerin Vorschriften macht, mit denen wir nicht einverstanden sind, dann gehorchen wir diesen Vorschriften nicht freiwillig!

    Wir haben mit Sicherheit den eigenen Willen. Wie frei aber unser Willen wirklich ist, darüber entscheiden wir nicht ganz alleine. Doch je mehr wir lernen, unseren Willen zu verstehen, um so freier kann unser Wille werden.

    • Ella sagt:

      Hier also gehts zum philosophischen Kolloquium von Albert Albern.
      Oh lala, du fährst aber hier Geschütze auf,die nicht mal eben im Vorbeigehen zur Kenntnis genommen werden können,man muss sie richtig studieren.
      Die Geschichten des alten Testaments fand ich als Kind einfach nur spannend,sehr wahrscheinlich waren sie so eine Art von Gruselmärchen,wie andere Märchen auch,die wir hören wollen und anschließend mit der beruhigenden Erkenntnis zur Seite legen konnten,es sind ja nur Märchen,die sich jemand ausgedacht hat.

      Das beunruhigende an den sog. Heiligen Schriften ist ja, dass sie Anspruch auf Wahrheit erheben.
      Nun stehen diese Schriften da im Bücherregal,neben Romanen,Geschichtsbüchern,Krimis und Reisebeschreibungen.
      Alle Bücher haben ihren Wert.
      Die Heiligen Schriften,besitzen darüberhinaus noch das Privileg,zum Kulturerbe der Menschheit zu gehören.

      Das ist alles! Wann immer wir die Geschichten nachlesen,wissen wir was wir lesen,die Bibel,den Koran oder was auch immer.
      Die Bedeutung ,die sie für uns heute haben,ist genau die,die wir ihnen selbst zu geben bereit sind.Die Heiligen Bücher leben durch unsere Zustimmung. Lebensweisheiten oder – hilfen,beziehe ich aber nicht aus
      aus dem Worttext, sondern daraus,dass der Text eine immanente Wahrheit besitzt oder eben gar keine,dass er mich gerade auf dem richtigen Fuß erwischt oder eben nicht.

      Da die Heiligen Bücher in Gleichnissen oder Geschichten,Fabeln oder Gleichnissen sprechen,bleibt die Möglichkeit sie durch die Brille des Hier und Jetzt zu lesen und genau das zu bekommen,was man sucht.
      Ich weiß,dass das im Koran verboten ist,da seine Entstehung ja wieder eine eigene Legende ist,um die sich viele Tabus ranken.Aber das Alte, als auch das Neue Testament lassen das Lesen und Verstehen aus der Zeit heraus zu.
      Den Begriff “der enttäuschte Gott” habe ich zuvor noch nie gehört.Er muss ein leicht kränkbarer Gott sein,der sich von seiner Schöpfung “enttäuschen” läßt.
      “Der Gott,der sich nicht spotten lässt” ist mir geläufiger.

      Wenn du die Sintflut als Ereignis eines enttäuschten Gottes darstellst,ließe sich mit “dem der sich nicht spotten lässt” auch argumentieren,dass die Menschen es mal wieder übertrieben hatten, und die Dinge den in der Natur(oder Schöpfung)angelegten Regeln entsprechend ihren Lauf nahmen.

      Die Schöpfung unterliegt Regeln,die der Mensch nicht ungestraft unbeachtet lassen darf.Nicht Gott straft den Menschen,sondern die Schöpfung,wenn man so will,folgt dem in ihr liegenden Gesetz.Es nützt,wenn die menschliche Übertreibung groß genug war,auch nichts mehr,Gott zu bitten,das Unheil abzuwenden.Das Geschenk der Schöpfung muss von den Menschen gewürdigt werden.Dies zu tun oder zu lassen untersteht ihrer eigenen Entscheidung.Das ist das Glück aber auch die Verantwortung,die uns mitsamt dem freien Willen aufgegeben sind. Würden wir funktionieren,wie Pflanzen und Tiere,könnten wir uns nicht vernichten,da das in uns liegende Gesetz dies verhindern würde.
      Da wir aber frei sind,sind wir es auch mit allen Konsequenzen.

      Leider muss ich hier abbrechen,viel mehr als Gedankensplitter kann ich auf die Schnelle nicht beitragen zum großen Menschheitsthema.

      • Albert Albern sagt:

        Ist schon o.k.
        Zitat:
        “Wenn du die Sintflut als Ereignis eines enttäuschten Gottes darstellst,”
        Nicht ich, sondern im Alten Testament wird es so beschrieben.
        Meiner Meinung hat es sich um eine Klimaveränderung gehandelt, mit viel Regen und steigendem Wasserspiegel. Die Menschen haben es damals als Gottes Strafe verstanden und Erzählungen, Fabeln daraus entwickelt, von denen eine Version bis in den alten Testament Einzug nahm. (Es sollte mehrere Versionen gegeben haben…)
        Und seit dem wird die Erzählung von vielen Menschen sehr ernst genommen, wegen der Autorität der Testamente.

        Das mit der Erkenntnis der Verantwortung für die Natur ist auch o.k.
        Zitat:
        “Würden wir funktionieren,wie Pflanzen und Tiere,könnten wir uns nicht vernichten,da das in uns liegende Gesetz dies verhindern würde.”
        Wir funktionieren genauso wie die Pflanzen und Tiere und andere Lebewesen. Die fleischfressenden Tiere würden ihre Nahrung ausrotten. Wenn aber die Nahrung knapp wird, sterben erst die schwächsten oder ungeschickten, dann die stärkeren und so weiter. Nur durch eigenes Sterben bewahren die Raubtiere ihre Nahrung vor dem Aussterben. Nicht aus Verantwortung. Die Pflanzen fressenden Tiere fressen die Wiesen kahl. Dadurch entstehen Steppen und Wüsten, die Tiere haben nicht genug zum Fressen und sterben aus. Dass sich die Wüsten nicht so einfach erholen, liegt dann auch am Klima – Wassermangel. So lange es genug Pflanzen gab, konnten diese das Wasser in dem Sand für sich aufbewahren, durch den eigenen Schatten. Nun trocknet das wenig Wasser ohne die Pflanzen binnen Stunden aus!

        Weder die Tiere noch die Pflanzen können sich aber ihrer Verantwortung bewusst werden. Deswegen müssen sie sterben, wenn sie ihre Nahrungsquellen überfordern.
        Nur die Menschen können sich ihrer Verantwortung bewusst werden. Wenn sie es wollen. Und dazu brauchen sie ziemlich freien Willen. Wenn ihnen jemand erklärt, ihre Verantwortung liege ganz wo anders, im Beten zum Beispiel, dann beten sie halt, um ihrer Verantwortung gerecht zu werden…

        • Ella sagt:

          Ja,wir sind auch physiologische Wesen,keine Frage!
          Aber wir sind die einzigen Lebewesen,die an ihrem Verschwinden aktiv und in vollem Bewußstsein arbeiten.
          Und trotz allen Wissens darüber,was nötig wäre,um vernünftiger zu handeln, opfern wir dieses Wissen sehr kurzfristigen Interessen.
          Das nennt die Bibel dann wohl Hochmut,bezeichnet es als Todsünde
          (Sünde,die zum Tode führt) und Gott können wir,sofern uns dies angemessen erscheint,nur darum bitten ,dass der Menschheit doch noch ein Licht aufgehen möge.

          Alle Strafen,von denen die Bibel,bes. das Alte Testament voll sind,verweisen,so wie ich es verstehen möchte ,auf das selbstschädigende Verhalten des Menschen,der sich der Konsequenzen seines Handelns nicht bewusst sein möchte,sich also der Erkenntnis verweigert,dass er einer Philosophie des Todes dient.

          Nicht umsonst weist Gott Hiob zurecht,als dieser sich in Klagen ergeht, mit Gott hadert und ihn aus dem Wettersturm darauf hinweist,dass all sein Streben nichtig ist ,solange er nicht bereit ist, auch seine Mitgeschöpfe in den Blick zu nehmen.
          Mit meiner “Zeitbrille”gesehen, war dies ein klarer Hinweis darauf,dass wir in der Verantwortung stehen,das uns Anvertraute hinreichend zu würdigen.Und nun muss ich noch ein klein wenig ironisch werden:Ein ewiger Gott kann natürlich nicht mit jedem Menschengeschlecht Glück haben,ein anderes wird vielleicht aus einem ganz anderen Bewußstsein heraus die Herausforderung besser annehmen können.
          Und ganz ernsthaft erlaube ich mir zum Schluss noch die Bemerkung,dass die derzeit angesagten Diskussionen darüber,wer denn nun den wahren glauben “besitzt”, zum obszönsten gehört,was ich in den letzten Jahren an gesellschaftlichen Debatten erlebt habe.
          Das einzige ,was mich da versöhnlich stimmt,sind Menschen,die schlicht,ergreifend und anrührend einfach ihren Glauben leben und den Andersgläubigen erfreut zur Kenntnis nehmen.
          Vor diesem Hintergrund verstehe ich die Stimmen immer besser,die eine laizistischere Gesellschaft einfordern,in der das Getöse um den Glauben bestenfalls noch als leises Rauschen wahrgenommen wird.

          • Albert Albern sagt:

            Gut. Möchte eigentlich nicht widersprechen, obwohl ich es wohl tun werde, wenn ich meine Meinung zu konkretisieren versuche. Es geht aber in dem Artikel auch um die Bedeutung der Bildung. Und meiner Meinung nach auch darum, wie die Menschen die Bildung verarbeiten und wie frei sie dazu sind.

            In der Schule müssen wir nämlich das Gelernte einfach nachplappern… Je besser, um so bessere Note kommt heraus.

            Das Eigeninteresse, der Egoismus treibt die ganze Natur an. Die Menschen sind da nicht anders. Dank ihrer Lernfähigkeit erlangten sie aber ziemlichen Einfluss/Macht über die Natur. Und somit wirkt der menschliche Egoismus besonders zerstörerisch.

            Das Bewusstsein der Verantwortung, die sich aus der Kausalität ergibt, ist sehr schwach. Ich kann mich auf Zeiten erinnern, in denen die Flüsse durch an sich “friedliche” Wirtschaftsbetriebe so verschmutzt waren, dass in ihnen kein Überleben möglich war. Dabei ging es gar nicht um die Absicht, das Leben in den Flüssen zu zerstören, es war die Gleichgültigkeit, die durch die Sucht nach finanziellem / materiellem Gewinn gestärkt wurde.

            Das habe ich jedoch nicht in der Schule gelernt, sondern aus den Zeitungen und anderen Medien. (Weil es hier um die “Bildung” geht.)

            Es geht also um die Bildung eines Bewusstseins für die eigene Verantwortung. Nicht gegenüber Gott, sonder gegenüber der Natur. Wir erkennen langsam, dass wir unsere Interessen nicht über die Überlebensinteressen der Natur erheben können. Falls es auch Gott genau darum geht, um so besser. Sonnst müssten wir uns Gott widersetzen, um die Natur vor den Folgen unseres eigenes Tun zu schützen…

            Die “Bildung” ist nur eine Grundlage dafür, wie wir die Welt und die Informationen, welche wir über den jeweiligen Zustand der Welt verstehen. Und wie wir diese Informationen verarbeiten. Mit welchem Ergebnis.

            Wenn die Bildung dazu diene soll, um die Wahrhaftigkeit der “Heiligen Schriften” bestätigt zu bekommen, dann hat sie meiner Meinung nach nicht viel Sinn. Wir sind zu mächtig geworden, dank unserem Wissen, und unsere Macht hat bereits schlimme Folgen. Und sie kann noch schlimmere haben. Würden wir die Folgen unsres eigene Tuns als Strafe Gottes verstehen, dürfen wir uns als ziemlich blöd bezeichnen. Es geht einfach um kausale Folgen unseres Handelns.

            Zum Hiob:
            „Nicht umsonst weist Gott Hiob zurecht,als dieser sich in Klagen ergeht, mit Gott hadert und ihn aus dem Wettersturm darauf hinweist,dass all sein Streben nichtig ist ,solange er nicht bereit ist, auch seine Mitgeschöpfe in den Blick zu nehmen.“

            Da war aber die Sintflut längst vorbei. Gott konnte sich wahrscheinlich nicht mehr erinnern, dass er die „Mitgeschöpfe“ der Menschen genauso vernichten wollte. Ohne Gnade. Nur die Fische hatten eine ernstzunehmende Chance, die Sintflut zu überleben…

            Ja, in den Schriften finden sich tiefgreifende Gedanken. Es ist aber ungünstig für die menschliche Weisheit, sich damit zufrieden zu geben. Sich durch die Gedanken einfach nur verzaubern lassen und nicht weiter zu denken…

        • Wer ist Gott sagt:

          „Es geht also um die Bildung eines Bewusstseins für die eigene Verantwortung. Nicht gegenüber Gott, sonder gegenüber der Natur. Wir erkennen langsam, dass wir unsere Interessen nicht über die Überlebensinteressen der Natur erheben können. Falls es auch Gott genau darum geht, um so besser. Sonnst müssten wir uns Gott widersetzen, um die Natur vor den Folgen unseres eigenes Tun zu schützen…
          ——————————————————-

          Wenn Gott ein und alles sein kann, könnte Gott auch nicht die Natur sein?

          Denn Gott hat viele Namen…

          Der Mensch wird sich nicht zufrieden geben mit den tiefgehenden Gedanken…und er wird feststellen, dass die menschliche Weisheit nur begrenzt und sehr unzulänglich ist.

          • Albert Albern sagt:

            Guter Hinweis, Fragender “Wer ist Gott”!
            “…die menschliche Weisheit nur begrenzt und sehr unzulänglich ist.”

            Und genau damit müssen wir irgendwie zurechtkommen.

            Wir haben eine uralte Idee, dass die Welt von einem schwer vorstellbaren Wesen geschaffen wurde – vom Gott. In manchen Vorstellungen wirkt Gott AUF die Schöpfung, er formt die Sonne, Sterne, Erde, Menschen, Pflanzen und Tiere von außen her.

            In anderen Vorstellungen wirkt Gott DURCH die Schöpfung, er selbst formt sich zur Sonne, Sternen, Erde, Menschen, Pflanzen und Tieren. Auf eine unerklärbare Weise. Das bedeutet, das ETWAS in dem Löwen von Anfang an danach strebte, irgendwann Löwe zu werden, und im Frosch wollte das “ETWAS” unbedingt zum Frosch werden. Obwohl alle Lebewesen anfangs die gleiche Ursprungsform hatten, strebte etwas in Ihnen nach einer individuellen Form der Selbstdarstellung. Eine solche Vorstellung entspricht im Grunde der Evolutionstheorie.

            Diese beiden Vorstellungen vermischen sich teilweise. Weil aber in den Schriftreligionen Gott ein forderndes Wesen ist, also von außen her von Menschen etwas fordert, und ein strafendes Wesen ist, also von außen her die Menschen mit Strafen überschüttet. dominiert in den Schriftreligionen die Vorstellung, dass Gott auf seine Schöpfung von außen einwirkt. Und dann ist er darauf angewiesen, ob die Schöpfung auf seine Forderungen eingeht. Und hat ziemlichen Pech, wenn die Menschen seine Forderungen vergessen, weil sie gerade z.B. eine Hochzeit feiern oder sich im “heiligen” Krieg gegeneinander befinden…

            Allein die Frage “Wer ist Gott”, setzt bereits voraus, dass Gott ein identifizierbares Wesen sei, von der Schöpfung leicht zu unterscheiden, mit einem Menschen nicht zu verwechseln…

            Setze dich erst einmal mit der Frage auseinander: “Wo befindet sich Gott? Innerhalb oder außerhalb der Schöpfung?”

            Wenn Gott allanwesend oder allgegenwärtig sein soll, muss er sich innerhalb UND außerhalb der Schöpfung befinden. Soll er sich nun die Mühe machen, aus der Ferne auf die Schöpfung einzuwirken, wenn er das genauso gut an Ort und Stelle machen kann, also durch die Schöpfung?

            Ja, Gott hat viele Namen. Deine Weisheit könnte aber schon so weit gehen, um zu erkennen, dass die Namen bedeutungslos sind. Auch der Baum hat viele Namen. Dank den vielen Sprachen, die wir Menschen sprechen. Und genauso der Tisch, der aus dem Baum gemacht wurde. Auch der Tisch hat viele Namen…

            Das, was für uns selbstverständlich geworden ist, das Einfachste, nehmen wir nicht mehr wahr, weil wir uns ständig mit etwas Besonderem beschäftigen wollen.
            Ist das weise?

  7. Ella sagt:

    ……da war die Sintflut vorbei………

    und ist das wichtig,ob sie vorbei war oder ob sie noch bevorstand?
    Wann welche Katastrophen über die Menschheit hereingebrochen sind noch hereinbrechen werden,spielt das wirklich eine so entscheidende Rolle?

    Ich habe das AT noch nie als Geschichtsbuch betrachten können,in dem die Ereignisse eine bestimmte zeitliche Abfolge haben müssten.Im Gegenteil eignet es sich meiner Meinung nach hervorragend dazu,einfach irgendwo aufgeschlagen zu werden.Historische Abfolgen mögen für Exegeten wertvoll sein,für mich sind sie jedoch nicht erforderlich.

    Was nun die Bildung angeht,finde ich den Gedanken,dass wir irgendwann kein Wissen mehr von den Grundlagen des Glaubens haben sollten,selbst wenn wir selbst nicht gläubig sind,als große Verarmung.
    Irgend ein kluger Mensch hat sinngemäß einmal gesagt, dass wir auch kennen sollten,woran wir nicht glauben,damit wir wenigstens wissende “Ungläubige” sein könnten.Das fand ich ganz gescheit.
    Und wenn es nach mir ginge,würde es ein Unterrichtsfach für vergleichende Religionskunde geben, in dem Lernende etwas über die Grundlagen der unterschiedlichen Glaubenssysteme erfahren würden.
    Dann wäre vielleicht möglich,offenzulegen, wie groß die Übereinstimmungen sind und wie die Unterschiede sich eher durch kulturelle,denn durch theologische Abweichungen erklären ließen.
    In einer Gesellschaft,in der noch immer der überwiegende Teil der Bevölkerung eine irgendwie geartete religiöse Orientierung hat,finde ich das eigentlich unverzichtbar und gehört unzweifelhaft zum “Bildungsgut”,
    Doch ganz bescheiden,werden wir zunächst einmal das Trauerspiel der deutschen Bildungslandschaft beenden müssen.Dass gerade auch die neueren türkischen Privatschulen so erfolgreich sind,sagt einiges über das Versagen der Schulpolitik in Deutschland,die nicht sicherstellen kann,dass alle Schüler auch wirklich einen Bildungsabschluss erreichen,der ihnen eine Zukunft ermöglicht.
    Und wenn es denn ein übergeordnetes Bildungsziel geben sollte,an dem jedoch alle mitarbeiten müssen,so wäre das in meinen Augen weniger die Anhäufung von Wissen,sondern eher die Entwicklung einer Haltung die ausdrückt:ich werde das leben meistern.

    • Albert Albern sagt:

      Ich habe das alte Testament demnach betrachtet, welche Geschichten / Berichte am ältesten sind, welche jünger usw. Lässt sich leicht erfahren. Also nicht als chronologisches Geschichtsbuch. Der Anfang ist z.B. deutlich jünger, als die Erzählung vom Adam und Eva, die gleich danach kommt.
      Nur haben die Kinder für Ihre oder meine Betrachtung des alten Testaments keine Grundlage. Sie lernen im Religionsunterricht über die Sintflut ziemlich früh, ohne es richtig einordnen zu können.
      Vergleichenden Religionsunterricht wäre schon nicht schlecht, habe das Glück genossen, dass an der Schule wo ich hinging, auch Volksweisheiten und Sprichwörter mit einbezogen wurden. Nicht beim Religionsunterricht. Das war katholisch, so wie von den Eltern gewünscht. Ich konnte aber trotzdem vergleichen, weil es halt an der Schule auch Volksweisheiten und Sprichwörter gab. Übrigens – die Volksweisheiten wurden in vielen Ländern durch die Religion (vor allem die katholische) fast ausgerottet. In Vergessenheit verdrängt. Und Ostern und Weihnachten, ursprünglich heidnische Feiertage, wurden christianisiert.

      Die Tatsache, dass wir Gutes brauchen, sollte uns nicht dazu nötigen, gegenüber den Religionen und deren Verfehlungen und Lügen unbegründet tolerant zu sein.

      Zitat:
      “In einer Gesellschaft,in der noch immer der überwiegende Teil der Bevölkerung eine irgendwie geartete religiöse Orientierung hat,finde ich das eigentlich unverzichtbar und gehört unzweifelhaft zum “Bildungsgut”.”

      In den Zeiten, in denen die religiöse Orientierung unzweifelhaft zum allgemeinen Bildungsgut gehörte, gab es auch die Hexenverfolgung.

      Noch mal: Bildung, die nur das Nachplappern zum Ziel hat, ist das Problem. Und das ist auch der Grund für die gegenwärtige Bildungskrise. Die Kinder sind nicht so gedrillt wie früher, das gewohnheitsmäßig routinierte Bildungssystem, auf das Büffeln und Nachplappern orientiert, ist nicht mehr zeitgemäß. Die Kinder langweilt es.

      Falls Sie für wirklich vergleichende Religionskunde sind, dann können Sie damit anfangen. Wahrscheinlich vergessen Sie dann aber den Buddhismus und die Grundlagen der indischen religiösen Entwicklung:
      http://de.wikipedia.org/wiki/Indische_Philosophie
      Natürlich vergessen Sie das nicht, wenn ich sie daran aufmerksam mache. Ich habe die “vergleichende Religionskunde” bereits für mich absolviert. Kenne auch die Bahai-Religion, die kürzlich inmitten der islamischen Welt entstanden ist und im Prinzip mit den lehrhaften Einsichten von Fethullah Gülen vergleichbar ist:
      http://de.wikipedia.org/wiki/Bahai

      • Ella sagt:

        Ich glaube,dass wir vielleicht mehr Spiritualität in der Religion brauchten,das würde den Starrsinn,der nach Gülen in den Glaubenseifer mündet,und der genau das ist,was der Gesellschaft zunehmend auf die Nerven geht,erst gar nicht aufkommen lassen.Glaube würde dann wieder mehr zu einer Quelle der Inspiration,der Kraft und nicht so sehr zu einem System von Überzeugungen,das gegen andere Überzeugungen in Stellung gebracht werden müsste.

        Meine Phantasien über die religiöse Bildung an Schulen sind eine Utopie,eine Phantasie halt.So ,wie ich sie mir ausmalte,sollte sie auch nicht geradewegs zur “Hexenverbrennung” führen.Irgendwo haben wir uns da wohl missverstanden.Aber wenn junge Leute von ihrem “Glauben” sprechen,überkommt mich immer öfter die Krankheit des “Fremdschämens”.Und spätestens dann frage ich mich,woher sie ihre Trivialitäten nur haben und träume von einer besseren Bildung auch in Glaubensfragen.So wie du durch deine eigenen Studien ja bereits weißt,kann Religion immer auch eine intellektuelle Herausforderung sein.
        An dieser sollten junge Menschen teilhaben können.

        Dass ein veralteter Unterricht,in dem Kinder außer “Nachplappern” nicht viel lernen,noch vereinzelt an den Schulen vorzufinden ist,mag sein.
        Dennoch denke ich,dass andere Faktoren dafür verantwortlich sind,dass viel zu viele Schüler keinen Gewinn aus ihrer “Bildungskarriere” ziehen können.
        Wenn die gesellschaftlichen Bedingungen sich ändern,muss sich das auch in der Organisation der Schulen niederschlagen.Das ist viel zu wenig geschehen.
        Wenn Familien Aufgaben,die eigentlich selbstverständlich wären, nicht mehr wahrnehmen (aus welchen Gründen auch immer),muss darauf in irgendeiner Form reagiert werden.
        Auch die Bildungsinitiative der sog.Gülenbewegung spricht aus meiner Sicht wiederum nur die Familien an,die ohnehin ein Interesse daran haben,ihren Kindern die besten Bildungschancen zu ermöglichen.
        Dennoch finde ich die Initiative inzwischen richtig.Meine Skepsis bezüglich Gülens “Absichten” sind zwar nicht ausgeräumt,aber ich habe sie auf “Eis gelegt”,da die Bildungsabsicht das ist was vorrangig bedeutsam ist.

        • Albert Albern sagt:

          Ich habe gegenüber Gülens “Absichten” keine besondere Skepsis. Bin mir aber sicher, dass er keine ausreichende Ahnung davon hat, WIE seine Anhänger seine “Absichten” verbreiten. Allein die Übersetzung der Korans macht den Moslems Probleme, genauso ist es aber mit der Weitergabe des Gesagten und der Gedanken… Und nach Gülen wir jemand andere seine Bewegung fortführen, möglicherweise werden es gleich mehrere Führer sein, welche sich alle auf Gülen berufen und sich gegenseitig Fehler vorwerfen werden.

          Ich bin gegenüber der Verehrung skeptisch. Aus vielen gründen, meistens psychologisch basiert, sie ergäben einen langen Vortrag.
          Kleine Einsicht hier:
          http://www.deutsch-tuerkische-nachrichten.de/2011/06/108597/#comment-7907

          Das “Missverständnis” bestand darin, dass ich Ihre “Träume” für einen Vorschlag zur Verbesserung hielt.

          Wäre es also nicht besser, die Kinder mit unseren “Spirituellen Höhen” erst einmal gar nicht zu belasten? Haben sie nicht schon genug Probleme in der Schule, wo wir nicht im Stande sind, das Bildungssystem zu optimieren?

          Und dann noch die jungen Leute, wenn sie von ihrem “Glauben” sprechen… Waren Sie denn als junger Mensch besser dran???

          Der Einfluss der Religiosität hat sich in der Geschichte aber eher negativ ausgewirkt. Zwar mit hohen Idealen, aber mit erschütternder Praxis. Erst die Zurückdrängung der Religiosität hat die Welt humaner gemacht. Trotzdem befürchten religiöse Menschen, dass ohne die religiösen Komplikationen die Welt grober, dumpfer werden könnte.
          http://www.deutsch-tuerkische-nachrichten.de/2011/04/67773/#comment-4569

          Die “Spiritualität” entwickeln die Menschen erst ab der Pubertät. Der wenig bekannte Begriff der “Selbsterziehung” beinhaltet die eigenen Ansprüche, welche der Mensch auf seine Fortentwicklung setzt.

          Und dann kommen immer noch irgendwelche Menschen vorbei, die auf den jungen Menschen Ansprüche stellen, anstatt sie zu inspirieren…

          Dabei übersehen wir noch, dass die jungen Leute gerade mehr oder weniger vor der Aufgabe stehen, sich um einen Beruf zu bewerben und ihrem zukünftigen Chef zu gefallen.

          Wie sollen die jungen Leute das alles unter einen Hut bringen???

          • Ella sagt:

            Unter den Hut passt mehr,wenn es nicht nur Masse ist.
            Nicht Überforderung,sondern Unterforderung ermüdet.
            Und alles was wir irgendwann einmal entwickeln an Interessen, Ideen,Vorstellungen hat auch seine Wurzeln in allem was uns von Kindheit an begleitet hat.
            Spiritualität, z.B. fällt auch nicht einfach vom Himmel,genauso wenig wie die Fähigkeit eine Arie zu singen oder ein Buch zu schreiben.
            Ich muss nicht einmal systematisch religiös unterwiesen worden sein,um auf der Basis von Stimmungen,Riten,Festen und damit verbundenen erinnerten Gefühlen an einem bestimmten Punkt zu realisieren: ich glaube XY. Aber ohne diesen Fundus an Erfahrungen,bräuchte es dann schon eine besondere Eingebung,um ab dem Jugendalter dann plötzlich einer “spirituellen Ebene” bewusst zu werden.
            Natürlich können wir auch an das unbegrenzte Wirtschaftswachstum glauben oder an die Wissenschaft oder oder oder.
            Auffallend ist doch aber,dass sich dort,wo religiöse Orientierung eher diskriminiert worden ist,auch andere Lebensbereiche kontrolliert und überwacht wurden,kurz – die Freiheit im allgemeinen keinen großen Wert hatte.
            In allen freien Gesellschaften wird es also immer auch Gläubige geben.

            Erst wo der Glaube missbraucht wird, treibt er die Blüten,die wir zu Recht alle hassen.

          • Albert Albern sagt:

            Tja, kluge Kinder werden in der Schule “unterfordert”.
            Sie langweilen sich und wir nennen das “Unterforderung”.

            Die Grundlage unserer Spiritualität ist Neugier.
            Also eine Art von Gier…

            In einer freien Gesellschaft können wir den Kindern nicht so einfach vorschreiben, worauf sie neugierig sein sollen, wonach sie in der Schule begehren sollen. Sie wissen das selbst am Besten. Sie freuen sich einfach auf die Pause. Und lernen in der kurzen Pause oft mehr als im ganzen Unterricht. Das wird aber weder geprüft noch benotet.

            Die Kontrolle und Überwachung ist die bekannteste Grundlage der ERZIEHUNG. Gleich, ob es sich um religiöse Erziehung handelt oder nicht. Und da ist Gott schon immer eine große Hilfe gewesen. Gott sieht alles, auch das, was die Eltern nicht sehen können. Somit haben die Priester und die Eltern Gott als eine Art Überwachungsdienst gemietet…
            Ich finde das irgendwie auch “spirituell”. Es entspringt unserem erfinderischen Geist!

            Schließlich dient auch die Beichte der Kontrolle. Und der Überwachung. Hat Gott die Beichte erfunden? Oder waren die Priester schon immer genauso neugierig wie die Kinder???

  8. Ella sagt:

    Ich glaube,jetzt haben wir in jedem Fall Fethulla Gülen genug Ehre angetan!

    Obschon:” Vielschichtigkeit” kommt mir gerade in den Kopf.Vielleicht brauchen vielschichtige Wesen auch hochkomplexe Glaubenssysteme,damit sie sich darin wieder finden können?
    Aber jetzt verabschiede ich mich aus dem “Seminar”.Bis bald mal wieder!

    • Albert Albern sagt:

      Einverstanden…

      Nur zur Vielschichtigkeit: Unterbewusstsein, Überich…
      Wollen wir über uns selbst etwas mehr wissen oder über uns selbst genauso mutmaßen wie über Gott???

      Wir können uns hochkomplexe Glaubenssysteme schaffen, wir können uns auch das Wissen verschaffen.

      Wissen schaffen, Wissenschaft…

      Das was wir wissen, müssen wir nicht mehr glauben. Auch wenn wir bei unserem Wissen auch irren können, Irrtümer ansammeln können. Die Irrtümer müssen wir dann aber glauben, um sie für Wissen halten zu können. Das gilt aber auch für den religiösen Glauben…

      Was ist “Bildung”???

      Wir bilden uns was ein, wir bilden hochkomplexe Systeme – auch die Bildung ist vielschichtig.

      • Ceylan sagt:

        Hallo, Herr Albert Albern!
        Ich persönlich finde Ihre Kommentare, Ihre Sichtweise sehr schön und auch sehr gelungen, da man auf anhieb erkennt, dass Sie ein Mensch sind, der sich erst mit einer Sache sehr tiefsinnig beschäftigt und dann über jemanden kommentiert/sich äußert.
        Es gibt leider immer noch Menschen, die den anerkannten türkischen Intellektuellen und Gelehrten Fethullah Gülen nicht wertschätzen.

        ,,Der türkische Islamgelehrte Gülen ist für seine Lehren, in denen er gegenseitiges Verständnis und Toleranz zwischen Kulturen fördert, bekannt. Gülen, der mittlerweile in den USA lebt, hat Pionierarbeit geleistet und Bildungsprojekte in zahlreichen Ländern vorangetrieben. Zudem förderte er interkulturellen und interreligiösen Austausch weltweit. Er hat über 50 Bücher geschrieben, die teilweise aus dem Türkischen in andere Sprachen übersetzt wurden.´´…..(Hohe Auszeichnung für Gülen)

  9. Beye sagt:

    Als ob kemalisten oder besser gesagt Atatürkcü’s keine muslime sind oder sein können, was für ein verlogen gewählte überschrift.

    In der Türkei leben 99% Muslime, die fetoscu medien spalten ja gerne in aleviten kemalisten nationalisten etc… nur sie sie sie allein sind muslime und tolerant…was fürn scheiss

  10. Beye sagt:

    Schaut euch das video über fet gülen an:

    Fetullah Gülen Şok görüntüler “Kur’an’ın babası öldü

    http://www.dailymotion.com/video/xez3uy_fetullah-gulen-yok-goruntuler-kur-a_news

    İmam Gazali İhya der ki: “Eğer bir vaiz halkı ağlatmaya, yaka-paça yırttırmaya çalışıyorsa, bilin ki o adam gafildir.”

    • Harun sagt:

      Gülen ist zwar in den USA nicht sehr bekannt; viele Jahre lang fungierte er jedoch als inoffizieller Botschafter der Türkei, der eine gemäßigte Linie des Islam unterstützte. Er predigte Toleranz und traf sich mit Papst Johannes Paul II. und anderen religiösen und politischen Führungspersönlichkeiten
      Er war immer Dialog Offen und hatte alle Menschen in der Türkei Zusammengebracht oder versucht und tut es jetzt auf Der Welt
      ich bin in der Meinung das beye mit Lehren Behauptungen kommt wenn es so ist warum so viele schulen wo menschen gebildet werden ich sage MENSCHEN also auch Nicht-Muslime und er und seine Bewegung sollen menschen in Gruppierungen spalten ich bitte ……

      http://www.youtube.com/watch?v=L1k7Fhc_xOg

      • Harun sagt:

        KORREKTUR der ersten Nachricht von Harun:

        Gülen ist zwar in den USA nicht sehr bekannt; viele Jahre lang fungierte er jedoch als inoffizieller Botschafter der Türkei, der eine gemäßigte Linie des Islam unterstützte. Er predigte Toleranz und traf sich mit Papst Johannes Paul II. und anderen religiösen und politischen Führungspersönlichkeiten
        Er war immer Dialog Offen und hatte alle Menschen in der Türkei zusammengebracht oder hat es versucht und er tut es jetzt auf der WELT!!!

        Ich bin in der Meinung, dass Beye mit leeren Behauptungen argumentiert.
        Wenn es wirklich so wäre, gäb es nicht so viele Schulen auf der ganzen Welt.
        Außerdem werden in diesen Schulen nicht nur Muslime gelehrt, sondern Menschen, ganz egal welcher NAtion, Religion!!!!

        UND ER UND SEINE BEWEGUNG SOLLEN MENSCHEN IN GRUPPIERUNGEN SPALTEN…

        ich denke, dass solche große TAten offensichtlich sind!!!

        Menschen, die in der Bildung etwas negatives sehen und es nicht wertschätzen sind selber die jenigen die Menschen spalten!!!!!!

        http://www.youtube.com/watch?v=L1k7Fhc_xOg

  11. Albert Albern sagt:

    Liebe Freunde!

    Namentlich @ Ceylan und @ Harun

    In der Bahai-Religion wird die Wissenschaft und der Glaube gleichgestellt. Der Glaube und das Wissen seinen zwei Flügel, mit denen sich der Geist der Menschen fortbewegt. Und nur mit einem Flügel könne kein Vogel richtig fliegen…

    Herr Gülens Haltung innerhalb des Islams ist der Bahai-Religion sehr ähnlich. Weiß Herr Gülen über die Bahai-Religion Bescheid? Wenn ja, dann hat er sich wohl durch die Gedanken der Bahai inspirieren lassen. Wenn nicht, dann ist das Wissen Herrn Gülens genauso eingeschränkt wie mein Wissen:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Bahai

    Gleich aus welchen Quellen Herr Gülen schöpft, der Eindruck ist stark, dass er sich dem Guten verschrieben hat. Natürlich so, wie Herr Gülen das Gute versteht. Und dieses Verständnis des Guten gibt Herr Gülen an seine Mitmenschen weiter… Muss ein Mensch zwingend ein Moslem sein, um Herrn Gülen, oder die Bahai, die Christen, Juden, Buddhisten und was es sonst noch gibt, zu verstehen? Erfordert die Verständigung unter den Menschen irgendeiner Religion???

    Ich habe mich bereits mit fast allen Religionen und deren Abzweigungen beschäftigt. Auf jeden Fall mit denen, von denen ich irgendwie erfahren habe.
    In manchen dieser Religionen konnte ich erfahren, dass jeder Gelehrte seine Grenzen hat, nicht die ganze Weisheit besitzt. Dass selbst ein ausgezeichneter Gelehrter sogar von einem Kind noch dazu lernen kann. Und trotzdem verläuft unser Begehren nach der Weisheit so, dass wir lieber von dem Gelehrten lernen wollen als von dem Kind.

    Der Mensch muss irgendwie bereits weise sein, um auch von einem Kind lernen zu können. Ein solcher Mensch muss fähig sein, die Weisheit zu erkennen. Dann kann ihn die Tatsache nicht irritieren, dass er die Weisheit auch bei einem Kind findet und nicht nur bei einem Gelehrten…

    Die meisten Menschen, die “Schüler”, lassen sich die Weisheit lieber von einem Gelehrten erklären, anstatt sie selbst zu erkennen. Und sie müssen dann glauben, dass alles, was sie von dem Gelehrten lernen, weise sei.

    Und genau darin liegt unser Problem: Entweder wir können die Weisheit selbstständig erkennen oder wir müssen sie glauben…

    Die Bildung sollte dazu führen, dass wir die Weisheit selbstständig erkennen können. Oder wenigsten das es unsere Kinder schaffen. Wir sind auf unsere Kinder angewiesen, dass sie irgendwann Dinge und Weisheiten erkennen, von denen wir zur Zeit noch keine Ahnung haben. Unsere Kinder müssen dringend klüger sein als wir, damit sich unsere menschliche Welt weiter entwickeln kann. Wenn die Kinder nur unsere bestehende Weisheit fleißig erlernen und keine eigene entwickeln, kommt die Welt der Menschen nicht voran. Den Ameisen ist es natürlich egal, die werden auch so über uns lachen…

    Ein Kind, das in der Rede eines Gelehrten, z.B. in diesem meinen Kommentar, auch gedankliche Schwachstellen erkennen und mir sagen kann: “Hier sagst du Unsinn”, ist bereits bewundernswert weise. Ein Kind, das alle meine Aussagen für weise hält, macht mich eher traurig. Deswegen erzähle ich manchmal gerne auch Unsinn. Damit die Menschen nicht alles glauben, was ich sage.

    Es gibt Lehren, auch religiöse, in denen dem Unsinn große Aufmerksamkeit geschenkt wird. Man bemüht sich darum, auch den Unsinn zu erkennen und nicht nur die Weisheit. Weil – wenn ich den Unsinn nicht erkennen kann, könnte ich ihn problemlos für Weisheit halten. Ich kann nie wirklich weise sein, wenn ich mit dem Unsinn nicht ausreichend vertraut bin, um den Unsinn als Unsinn zu erkennen. Genauso ist es mit dem Irrtum. Auch das Irrtum muss ich genauso gut verstehen lernen wie die Weisheit. Sonnst könnte ich das Irrtum für Weisheit halten und umgekehrt – die Weisheit für ein Irrtum. Und genau das wäre dann ein Irrtum…

    Ich muss zugeben, dass ich durch das Studium der verschiedenen Religionen viel Weisheit, viel Unsinn und viele Irrtümer gelernt habe. Dank meinem eingeborenen Misstrauen, weil ich nicht bereit war, alles zu glauben, was ich da gelesen habe oder was mir erzählt wurde. Und weil ich mir nie sicher war, ob ich es richtig verstehe, was ich da lese oder was mir erzählt wird. Also musste ich darüber noch lange nachdenken. Wobei das Ergebnis meines Nachdenkens immer offen blieb. Ich musste nie zu dem Schluss kommen, dass es weise sei, was ich da lese oder höre, weil ich sonst in die Hölle komme, wenn ich es nicht glaube, dass das Alles weise sei.

    Es war also ein großer Vorteil für mich, dass ich an die Hölle nicht glaubte. Und deswegen vor der Hölle keine Angst haben musste. Weil die Angst das Denken nachweislich beeinflusst. Wer sein Denken durch die Angst (z.B. vor der Hölle) oder durch die Gier (z.B. nach dem Himmel) beeinflussen lässt, der kann nur eingeschränkt denken. (Siehe Psychologie – auch ein Teil der Bildung, die uns zur Verfügung steht.)

    Es lebten zwei Gelehrten an einem unbekannten Ort. Der eine tat das Gute, weil es ihm von Gott befohlen wurde. Und weil ihm versprochen wurde, dass er im Himmel wunderschönes Leben führen wird, wenn er das Gute tut. Der andere glaubte weder an Gott noch an die Hölle oder den Himmel. Und er tat trotzdem das Gute. Beide Gelehrten taten also das Gute. Welcher von ihnen ist aber wirklich gut? Derjenige, der das Gute tat, weil es ihm befohlen wurde und weil er im Himmel landen wollte? Oder derjenige, dem es Freude machte, Gutes zu tun, ohne dass er sich davon irgendwelche Belohnung oder Vorteile im Himmel versprach?

    Und über welchen von den beiden gütigen Gelehrten wird der liebe Gott beim Letzten Gericht eher staunen? Oder weiß der liebe Gott längst Bescheid? Während wir über die Gelehrten noch nachdenken müssen?

    Wenn wir keinen eigenen Grund dafür finden, Gutes zu tun, und uns dazu nur wegen der Angst vor einer Strafe und wegen einer Belohnung bereit erklären. wie gut sind wir dann???

    • Albert Albern sagt:

      In einem Land, das sehr wenig religiös ist, wo die Lehrer größeres Ansehen haben als religiöse Prediger, kursiert dieser Witz:

      Was ist der Unterschied zwischen einem Lehrer und einem normalen Menschen?
      Beide wissen, dass 1 und 1 zwei sind.
      Aber der Lehrer weiß es besser…

      Um diesen Witz zu verstehen, muss man über den Lehrer lachen können. Sonst versteht man gar nichts…

      • Ella sagt:

        ….und nicht nur die Lehrer sollten vor allem auch über sich selbst lachen können.

        Über sich selbst lachen können,ist die netteste Art und Weise, sich selbst nicht so ernst zu nehmen.Dann können wir auch noch auf das achten,was andere zu sagen haben.
        In der humorfreien Zone der deutsch türkischen Nachrichten ist die Kommunikation zu einer Art von Kampfform mutiert,Nicht dass mir nicht klar wäre,dass Worte auch töten können,nur ist mir dies so absichtsvoll noch nirgendwo anders begegnet.Den anderen zumindest mundtot zu machen,wenn er mich selbst nicht zu bestätigen bereit ist,scheint hier erste Priorität zu haben.Oder ist das ganze nur ein Spiel ? Es ist mir in jedem Fall wieder mal ein Rätsel.
        Das ist wohl auch der Grund,warum ich noch einmal in dieser Ecke gelandet bin.Vielleicht mag der “Philosoph” des Forums darüber nachdenken.?.?

        • Albert Albern sagt:

          Was hilft es, wenn die Philosophen darüber nachdenken und andere Menschen nicht?

          Jeder Mensch bevorzugt andere Bücher, auch Schulbücher, es geht ja unter anderem und auch vor allem um die Bildung. Die Bildung scheint in der Türkei sehr auf Stolz ausgerichtet zu sein. Und Herr Gülen gründet seine Schulen überall in der Welt. Die Türkei scheint es nicht nötig zu haben, neuen Inhalte in den Schulen einzuführen. Die übrige Welt braucht nach Gülens Meinung dringend neue Schulen…

          Was lernen die vielen, auch nicht türkischen Kinder in den Schulen?

          Die “Vollkommenheit”?
          Die “Wahrheit” und “Gerechtigkeit”?
          Damit sich die “Wahrheit” und “Gerechtigkeit” in der Welt durchsetzen können?

          Und je überzeugter die Kinder von der “Vollkommenheit”, “Wahrheit” und “Gerechtigkeit” sein werden, um so besser werden sie später darüber streiten können.

          Wir streiten uns ja um die “Wahrheit” am liebsten. Weil wir es mögen, wenn die “Wahrheit” zu uns hält…

          • Ella sagt:

            Das ist ja interessant:”wir mögen es,wenn die Wahrheit zu uns hält.”

            Aber wissen wir denn heute nicht oder glauben wir nicht zu wissen,dass es “die” Wahrheit nicht gibt und dass es darum so schwierig ist,überhaupt noch einen Standpunkt glaubwürdig vertreten zu können.
            Außerhalb der “Gemeinschaft der Gläubigen” wagt eigentlich niemand mehr, endgültige Wahrheiten zu behaupten.

            Die Wissenschaft macht da natürlich keinen Unterschied.Auch was den Menschen als heilig gilt ,wird ohne Skrupel zerpflückt und als Konstrukt menschlichen Erfindergeistes entlarvt.Kein Gott, nirgends – außer natürlich in unsren Köpfen.

            Von so viel “Ketzerei” ist man aber an konfessionellen Schulen weit entfernt,nicht nur an den Gülen-Schulen.

          • Albert Albern sagt:

            “Aber wissen wir denn heute nicht oder glauben wir nicht zu wissen,dass es “die” Wahrheit nicht gibt…”

            Entweder haben wir es nicht gelernt, oder wir haben es in dem spannenden Verlauf unserer Menschheitsgeschichte einfach vergessen: Uns darauf zu einigen, was Wahrheit ist.

            Es reich nicht, wenn wir über den Lehrer lachen können, was er so alles weiß. Wir müssen es selbst begreifen, dass 1 und 1 zwei sind. Und dass es WAHR ist! Die einfachsten Wahrheiten sind für uns so selbstverständlich, dass wir sie prompt übersehen, wenn wir nach der “Wahrheit” fragen.

            Wir haben uns die Wahrheit, dass 1 und 1 zwei sind, nicht einmal ausgedacht. Wir haben diese Wahrheit ENTDECKT. Diese Wahrheit war schon immer da. Und sollte alles Existierende verschwinden, bliebt diese Wahrheit erhalten. Und sollte dann nach langer Zeit wieder ein kosmisches Teilchen erscheinen und noch ein Teilchen, dann werden es wieder zwei Teilchen sein. Oder sollte statt dessen in der unendlichen kosmischen Leere EINE gute Fee und noch EINE gute Fee erscheinen, dann werden es wieder ZWEI gute Feen sein, die unser Sinn für die Wahrheit schärfen könnten.

            Wie wir mit den Zahlen umgehen, wie wir sie schreiben, wie wir sie nennen, obliegt natürlich unserer unantastbaren Willkür. Aber die mathematischen Gesetze können wir uns nicht beliebig ausdenken. Die müssen wir ERKENNEN. (Im Gegensatz zu den vielen anderen Gesetzen, welche wir dann oft für Gottes Gesetze ausgeben.)

            Die mathematische Gesetze können wir also nur erkennen. Und wenn wir wollen, wir können uns vor diesen Gesetzen tief verbeugen oder wir können daraus lernen, berechnend zu sein.

            Und wahrscheinlich gibt es noch mehr von solchen Gesetzen, die wir uns nicht ausdenken können, sondern sie erst erkennen müssen, bevor wir uns diesen Gesetzen bewusst beugen können. Sogar in den zwischenmenschlichen Beziehungen könnte es solche Gesetzte geben…

            Wir könnten die mathematischen Gesetze auch als Gottes Gesetze bezeichnen. Und dabei könnte uns auch womöglich bewusst werden, wie gleichgültig es Gott ist, ob wir seine Gesetze erkennen und dann auch korrekt befolgen. Er hat uns keinen Propheten gesandt, mit einer Tafel unter dem Arm, auf der die mathematischen Gesetze sorgfältig aufgeschrieben worden wären.

            Es könnte uns dabei auch auffallen, dass es wegen der mathematische Wahrheit, wegen der Auslegung der mathematischen Gesetze noch nie einen heiligen Krieg gab.

            Die mathematische Wahrheit ist so unbestreitbar und so langweilig, dass wir einfach unfähig sind, wegen dieser Wahrheit in den Krieg zu ziehen, um diese Wahrheit überall zu verbreiten.

            Und trotzdem hat sich diese Wahrheit auf der ganzen Welt unbeschwert verbreitet, in allen Kulturen und in allen Religionen wird sie anerkannt, sogar bei den Heiden.

            Wir zählen das Geld genau nach Gottes Vorschrift, und wenn wir dabei Fehler machen, dann ärgern wir uns über uns selbst. Also muss sich Gott gar nicht darüber ärgern, wenn wir bei dem Zählen Fehler machen. Wir ärgern uns selbst über uns…

            Also liebe Ella: “Wer die Wahrheit sucht…”

            der wird sie wohl nur dann finden können, wenn er/sie sich darüber Gedanken macht, was die Wahrheit sein könnte, wie sie wohl aussieht und welche Eigenschaften sie hat. Und er/sie sollte sich dabei auch seine/ihre bereits bestehenden Erfahrungen und das bestehende Wissen BEWUSST machen.

            Sonst nehmen die Fragen nach der Wahrheit nie ein Ende. Der Mensch kann sich wunderbar im Kreis drehen, bis er irgendwann ganz vergisst, dass er nach der Wahrheit sucht und fängt einfach an zu tanzen…

            Warum auch nicht?
            Dann sollten wir aber ehrlich zugeben, dass wir nur in unseren Gedanken herum tanzen und nicht nach der Wahrheit suchen. Oder dass wir nicht mehr nach den Erdbeeren suchen, falls wir das ursprünglich vorhatten, sondern nur unbeschwert in dem wunderschönen Wald herum tanzen…

            Und eine Kleinigkeit am Ende:

            “Gott ist Wahrheit”

            Das wird immer wieder so nebenbei gesagt.

            Und wenn Du schreibst:
            “Aber wissen wir denn heute nicht oder glauben wir nicht zu wissen,dass es “die” Wahrheit nicht gibt…”
            dann sagst Du damit, dass wir es heute bereits sehr gut wissen oder dass wir wenigstens glauben, es zu wissen, dass es “Gott” nicht gibt…

            Das ist eine interessante Aussage: Wir glauben es zu wissen, dass es Gott nicht gibt…

            Also, wir haben keine echte Chance im Glauben, wir müssen es ERKENNEN.

          • ARISTOTELES sagt:

            alber albern mein lieber Freund nur mal ne kurze Frage an dich glaubst du an Gott ?

          • Albert Albern sagt:

            @ ARISTOTELES, ich muss vieles glauben:

            die selbstgemachten Irrtümer,

            manche Lügen nicht nur seitens der Politiker sondern auch seitens meiner Freunde,
            (vorausgesetzt, sie sind genauso bereit, auch meine Lügen zu glauben)

            und wenn ich Vermutungen ernst nehme, wie weit bin ich dann von dem Glauben entfernt???

            So lange ich mir darüber bewusst bin, dass es nur Vermutungen sind, was ich da ernst nehme, dann bin ich von dem religiösen Glauben noch meilenweit entfernt…

            Ich nehme die Idee von einem wie auch immer gearteten Gott ernst. Deswegen setzte ich mich mit dieser Idee gerne auseinander, anstatt sie einfach nur abzulehnen.

            Ich lehne also nicht Gott ab, ich lehne den blinden Glauben ab, dank dem wir jedes Irrtum, jede Lüge und jeden Unsinn gemütlich und hingebungsvoll glauben können.

            Also geht es in Deiner Frage nicht nur um Gott, sondern auch um den Glauben. Keine Ahnung, ob Du das bemerkt hast, aber nun könntest Du verstehen, dass der Glaube für mich einen großen Problem darstellt. Gott ist für mich kein Problem…

        • Füße sagt:

          Du hast die Begabung, Dir die besten Antworten stets selbst zu geben……………
          “Gott muss sich nicht aufblasen; er legt sich eher unter unsere Füße, damit wir einen festen Grund haben.”

          Auf solch einer Basis braucht man auch die aufgeblasenen Beschreibungsversuche der Zeitgenossen nicht wirklich!

          LG

  12. Ella sagt:

    “Der Mensch kann sich wunderbar im Kreis drehen,bis er irgendwann vergisst,dass er nach der Wahrheit sucht und fängt an zu tanzen.”

    So,nun habe ich zumindest schon mal eine Gewissheit mehr: du bist nicht nur ein Denker, sondern auch noch ein Dichter!

    Ob das aber andere auch so sehen,ist nicht erwiesen und wird auch nie zweifelsfrei zu beweisen sein!

    Da scheinen wir es mit der Mathematik deutlich einfacher zu haben.Denn hier geht es doch offensichtlich um “Unumstößliches”.Tatsächlich?

    Ich bin nicht besonders begabt in Mathematik,aber das Mysterium der Imaginären Zahlen, der Begriff der Unendlichkeit,Zeit und Raum,all das erscheint mir in meiner beschränkten Kenntnis der Materie hoch spekulativ.Hat sich die Wissenschaft da nicht auch auf Prämissen geeinigt,die alle aufgrund von Alternativen anerkannt haben und damit nun solange arbeiten,bis dass……alles in sich zusammenbricht?Und dann geht das Denken wieder von vorne los.

    Ich glaube es gibt nur wenige Menschen,die zudem ein stets präsentes Bewusstsein davon haben,was sie wissen,also einen stetigen und zuverlässigen Zugriff auf ihre im Lauf ihres Lebens angesammelten Erkenntnisse haben,auf dass die Suche nach der Wahrheit irgendwann einmal abgeschlossen werden könnte oder doch zumindest immer “aufbauend” auf das schon vorhandene Wissen sich fortentwickeln könnte.

    Ich glaube nicht,dass wir so “ticken”! Ich glaube aber auch nicht an die “ewigen Gewissheiten”,die wir erlangen könnten.Und damit bin ich wieder am Anfang der Frage,ob es denn solche überhaupt gibt.

    Es gibt sie zweifellos nur dort,wo wir glauben anstatt wissen. Und das, woran wir bereit sind zu glauben,wird uns zu der Gewissheit oder Wahrheit,die wir suchen oder gesucht haben.

    Dass eins plus eins zwei ergibt,mag trivial sein, es ergibt aber nur Sinn,weil wir bereit sind,darin einen Sinn zu entdecken.Das System funktioniert,also muss es wahr sein.
    Von mir aus gerne.

    In dem Film The Beautiful Mind wird der Zuschauer in das Leben und wissenschaftliche Arbeiten des genialen Mathematikers John Nash hineingezogen und im Strudel seiner geistigen Eskapaden bemerken wir erst sehr spät, dass wir uns gemeinsam mit dem Protagonisten in einem wahnhaften Paralleluniversum befanden.

    Für meine subjektive Weltsicht eine schöne Parabel über die “ewigen Gewissheiten”.

    Jetzt fällt mir nichts mehr ein! Bis bald mal wieder

    • Albert Albern sagt:

      Also – aus der “Wahrheit” wurde “Gewissheit”.
      Auch eine schöne Tanzumdrehung…

      Ehrlich gesagt, ich bin zu faul, um mir so viele Gedanken zu machen.

      Ich habe mich damit abgefunden, dass ich vieles glauben muss. Aber nur, weil ich es nicht weiß. Und mein Glaube gibt mir keine Gewissheit, sondern nur die gängige Unsicherheit. So, als wenn ich glaube, dass mich die dünnen Bretter über einem Bach tragen werden.

      So gesehen, habe ich die Gewissheit, dass mir der Glaube keine Gewissheit geben kann. Und damit lebe ich. Ohne große Probleme…

      Warum muss ich vieles glauben? Wenn ich an die Wahrheit, die Gerechtigkeit oder den Sonnenuntergang nicht glaube, werde ich nicht hingehen, um mir das anzuschauen. Ich werde danach nicht suchen, ich werde niemanden fragen: Wo gibt es bitte den Sonnenuntergang?

      Der Glaube ist für mich das dünne Brett über einem Bach. Und was ich an dem anderen Ufer so alles finden kann, dass erfahre ich gleich, nach dem meine Kleidung getrocknet ist. Und auch wenn ich auf dem anderen Ufer nicht genau das finde, was mir versprochen wurde und was ich hingebungsvoll glaubte, so ist es gut möglich, dass ich mich dort wohl fühlen werde und viele neue Dinge und Menschen kennenlernen werde. Ich darf aber nicht allzu sehr enttäuscht sein, dass ich dort nicht genau das fand, was mir versprochen wurde. Sonst ist der Tag im Eimer…

      Die Gewissheit, dass der Glaube keine Gewissheit bringen kann, vermeidet manche Enttäuschungen.

    • Albert Albern sagt:

      Noch eine Kleinigkeit, Ella:
      “Dass eins plus eins zwei ergibt,mag trivial sein, es ergibt aber nur Sinn,weil wir bereit sind,darin einen Sinn zu entdecken.Das System funktioniert,also muss es wahr sein.”

      Das ist womöglich die “Vielschichtigkeit”, in die Du dich hin begeben hast und in der Du deine Gedanken lebst, die sich dann wie die Feen tänzerisch im Kreis drehen.

      Ersten ging es uns (der Menschheit) gar nicht um einen “SINN” bei der Entdeckung der mathematischen Regeln. Es ging um die Regelmäßigkeit, um die zuverlässige Wiederholung immer des gleichen Ergebnisses – 1 und 1 sind zwei. Egal, ob wir es in der afrikanischen Wüste versuchen oder auf dem Nordpool, ja sogar in der Tiefe der Ozeane oder auf dem Mond kommen wir immer zu dem gleichen Ergebnis.

      Wir haben also darin keinen tieferen Sinn erkannt, sondern haben einfach irgendwann vor dieser Tatsache kapituliert und sie als Tatsache akzeptiert. Die Kapitulation des menschlichen Geistes vor der Wahrheit, vor der Wirklichkeit, ist die größte humane Geste, welcher wir als Menschen fähig sind.

      Und dass die Wissenschaft auf Grund von neuen Erkenntnissen viele bisherigen Theorien oder Annahmen über den Bord wirft, ist wieder nur der Ausdruck dieser vornehmen Geste – der Bereitschaft, vor der Wahrheit zu kapitulieren.

      Die Tatsache, dass wir bei der Kapitulation eigentlich keine Verlierer sind sondern eher Gewinner – weil wir neue Erkenntnisse gewonnen haben, macht uns die vornehme Geste der Kapitulation natürlich erträglicher…

      Nur wenn wir zu unseren Irrtümern eine tiefe freundschaftliche Beziehung entwickeln, kann der Verlust sehr schmerzhaft bis unerträglich sein.

      Weil unsere Irrtümer für uns oft einen tiefen SINN haben können…

      • Ella sagt:

        Tatsäcjlich ist mir nicht einmal aufgefallen,dass ich anstelle der “Wahrheit”
        die “Gewissheit” gerückt habe.

        Die Tanzumdrehung fand möglicherweise darum statt,weil “Wahrheit” bei mir irgendwie “besetzt” oder “reserviert” ist für die Spären des religiösen Bekenntnisses.

        Wie auch immer: wir können ja gar nicht anders,als uns darauf zu verständigen, was in der Welt gültig sein soll und was nicht.Und dass wir als neugierige Wesen auch immer mit erwartbaren oder überraschenden Wendungen und neuen Erkenntnissen zu leben gelernt haben, zeichnet uns ja als lernfähige Spezies aus.
        Weiter oben hast du geschrieben,dass unsere Kinder dringend klüger sein müssten als wir selbst,damit sich die Welt fortentwickeln könne.

        Wir können unsere Kinder aber nur mit dem konfrontieren,was wir selbst wissen.Nicht alles können Kinder allein durch “forschende Neugier” erfahren.Wir können mit ihnen über Ideen nachdenken und sie nach Möglichkeit in ihren eigenen Zielen nicht allzu sehr einschränken.
        Doch worin besteht künftig Klugheit? Was befähigt künftige Generationen dazu,in der Welt zu leben,zu überleben und daran auch noch Freude zu haben?Vielleicht müssen unsere Kinder rückwärts gehen? Ist das dann ein Rückschritt? Oder wäre genau das als “Voranschreiten” zu bezeichnen?

        Faulheit war auch noch ein gutes Stichwort!
        Jeder sollte in der Lage sein,sie zu genießen!

      • Ella sagt:

        Zum Sinn,den wir nicht gesucht haben, kann ich nur sagen,dass ich eigentlich von Sinnhaftigkeit,Schlüssigkeit,Gültigkeit etc. hätte sprechen sollen,dann wäre es klarer gewesen.Das kommt davon,wenn die Konzentration sich verkrümelt und herumwirbelt.Jetzt höre ich aber wirklich auf,Nonsens zu fabrizieren.

  13. Ella sagt:

    P.S.Natürlich muss es heißen :aufgrund fehlender Alternativen (aber das hast du dir sicher schon gedacht!