“Religion und Wissenschaft gehören im Islam zusammen”

Der Islam hat eine jahrhundertealte Tradition der Förderung der Wissenschaften. Nur Bildung kann den Menschen helfen, ihre volle Würde zu erlangen.

Fethullah Gülen. (Foto: AP)

Fethullah Gülen. (Foto: AP)

Deutsch Türkische Nachrichten: Glaube und Wissenschaft sind ebenfalls Konfliktfelder. Im Grunde muss jede Religion dieses Verhältnis neu definieren. Wie sieht die islamische Perspektive aus?

Fethullah Gülen: Diese Frage ist von großer Bedeutung und stellt sich in der Tat für alle Religionen. Manche Forscher vertreten die Meinung, dass das Christentum im Westen das Priestertum und die Liebe zu sehr in den Vordergrund stellt und den Verstand und die Wissenschaft nicht auf gleichem Maß sieht. Dies führte dazu, dass die “Natur” mit der Zeit als ein Vorhang betrachtet wurde, der den Menschen von Gott und von der Gottesliebe trennt.

Ich glaube, dass es eher um die Verurteilung der profanen Welt ging und nicht um die Verurteilung der ganzen Natur. Der Kampf zwischen der Kirche und dem progressiven Bürgertum entwickelte sich zu einem Kampf zwischen Religion und Wissenschaft, da das Bürgertum in diesem Kampf viel mehr die Naturwissenschaften, das heißt die positiven Wissenschaften und die von ihr entwickelten Technologien vereinnahmte.

Durch den Dualismus von Descartes kam es zu einem Kompromiss, und die Bereiche von Religion und Wissenschaft wurden getrennt. Die Religion wurde als ein dogmatisches Gebäude gesehen, die nicht unbedingt eine rationale, logische und wissenschaftliche Dimension aufweisen muss.

Diese Trennung von Religion und Wissenschaft wurde zu einem wichtigen Faktor bei der Entstehung und Verbreitung des Positivismus und Materialismus im Westen. Die Wissenschaft wurde vom Glauben und dem daraus resultierenden Verantwortungsgefühl und der Furcht vor dem Jenseits getrennt.

Neben vielen Segnungen diente die Wissenschaft in den unersättlichen Händen des Menschen auch zur Erfindung der tödlichsten Waffen. Nach dem berühmten Ausdruck von Einstein wurde die Religion ohne Wissenschaft blind, und die Wissenschaft ohne Religion lahm. Es ist kein Zufall, dass die blutigsten, weltweiten Kriege der Menschheitsgeschichte im 20. Jahrhundert ausbrachen. Deshalb muss die Thematik auch unter diesem Aspekt betrachtet werden.

Der Islam betrachtet die Beziehung zwischen Religion und Wissenschaft anders. Unser Schöpfer hat uns drei Bücher gegeben: Den Koran als „offenbartes“ Buch, den Menschen und das Universum als „erschaffene“ Bücher.

Das Buch der Religion und die beiden Bücher, der Mensch und das Universum, heben sich gegenseitig nicht auf. Sie widersprechen einander nicht, ganz im Gegenteil: Sie bedingen einander und erklären sich gegenseitig. Das Buch der Religion, das Universum und der Mensch sind der Ausdruck derselben Bedeutung. Sie interpretieren einander und helfen, dass sie verstanden werden. Sowohl das Universum, als auch der Mensch und das Buch der Religion sind drei Bücher, die uns vom Schöpfer berichten.

Von dieser grundlegenden Tatsache ausgehend trennt der Islam das Wissen und den Glauben nicht voneinander und betrachtet sie nicht als widersprüchlich. Der Mensch, der nicht nur über einen physischen Körper, sondern auch über Verstand, Herz und Gefühl verfügt, sucht auf jeder Stufe des Lernens nach mehr Wissen und besserem Verständnis.

Das ist der Grund, warum die Muslime in den ersten fünf Jahrhunderten ihrer Geschichte in allen Wissenschaftsbereichen eine glanzvolle Arbeit leisten konnten und diese Wissenschaften riesige Fortschritte machten. Vor allem die Naturwissenschaften, die den Kosmos und Mensch erforschten, wurden nach den Kreuzzügen nach Andalusien und Sizilien in den Westen gebracht und setzten ihre Entwicklung dort fort. In den Augen des Islam und der Muslime ist die Wissenschaft ein heiliges, religiöses Bestreben. Ein Koranausleger, Hadith-Wissenschaftler, islamischer Rechtswissenschaftler, Sufi konnte gleichzeitig ein Mathematiker, Chemiker, Mediziner und Astronom werden. Diese wurden niemals als widersprüchlich wahrgenommen, sondern als einander dienende, unterstützende und vervollständigende Gebiete. Diese Sichtweise kann heute im Hinblick auf das Verhältnis von Mensch und Technologie sehr hilfreich sein.

In der modernen Gesellschaft sind Toleranz und Emanzipation wichtige Werte. Sind diese mit dem Islam vereinbar?

Der Koran spricht alle Menschen an. Er ist keineswegs diskriminierend und separierend, er will sich für alle Menschen öffnen. Der Islam sieht alle Menschen prinzipiell als die Angehörigen einer Familie, und er möchte, dass die Beziehungen zwischen den Familienangehörigen im Rahmen von Annehmlichkeit, Gefälligkeit und Güte verlaufen. Diese Verhaltensformen gelten nicht nur gegenüber Muslimen, sondern allen Menschen außer den kriegswilligen Angreifern.

Der Islam verbietet den Zwang zum Glauben. Niemand darf zur Annahme des Glaubens gezwungen werden. Der Ton des Koran gegenüber den Christen, Juden und Sabäern, die er Besitzer von Offenbarungsschriften nennt, ist versöhnlich und tolerant. Alle sollen in „würdiger Weise auf Erden wandeln“, und die Anrede an alle soll „Frieden!“ lauten.

Der Islam kann auf vierzehn Jahrhunderte des Pluralismus verweisen. Die 1963 durch die katholische Kirche begonnene Bewegung des Dialoges und der Toleranz gegenüber Juden und Muslimen war von Beginn an ein Bestandteil des täglichen Lebens im Islam.

Die erste Tätigkeit des Propheten, als er nach Medina auswanderte, war es mit den dort lebenden Juden und Polytheisten, eine gemeinsame schriftliche Verfassung des friedlichen und brüderlichen Zusammenlebens zu formulieren.

Die Beipiele der Toleranz, des Zusammenlebens und des Dialogs in vierzehn Jahrunderten islamische Geschichte würden Bände füllen. Eines sei besonders hervorgehoben: Vor dem Tod unseres Propheten kamen 60 Christen aus Nadschran nach Medina. Sie tauschten sich über Islam und Christentum mit dem Propheten aus. Schließlich fassen sie den Entschluss Christen bleiben zu wollen. In dieser Zeitspanne wird ihnen erlaubt, im Mescid-i Nebewi, der Prophetenmoschee schlafen und ihre christlichen Gottesdienste verrichten zu können. Zuletzt wird mit ihnen eine Vereinbarung getroffen. Die Vereinbarung mit dem im islamischen Raum lebenden Christen sah unter anderem das Recht auf eine umfassende, freie Religionsausübung vor.

Als Sultan Mehmed der Eroberer 1453 Istanbul erobert hatte, erlaubte er die Einwanderung der Juden vom Balkan nach Istanbul. Er förderte sogar die Einwanderung der Juden aus den europäischen Ländern in das Osmanische Reich. Als ein Ergebnis dessen wanderten Juden aus vielen europäischen Ländern dorthin. Der Brief, den Rabbi Isaac Tzafarti als ein Jude unter den Eingewanderten an die Juden in Deutschland schrieb, ist von großer Bedeutung. Er zeigte, wie das Leben der Nicht-Muslime in muslimischen Ländern aussah und welche Rechte und Freiheiten der Islam ihnen zugesprochen hatte.

Die Muslime erlaubten Angehörigen anderer Religion unter ihrer Verwaltung nicht nur die freie Religionsausübung, sondern sie fanden auch keinen Nachteil daran, wenn eine Moschee, Kirche oder Synagoge nebeneinander lag. Es ist sogar erlaubt, dass in demselben Gotteshaus in einem Bereich Muslime und in dem anderen Christen oder Juden beten.

Was die Frage der Freiheiten anbetrifft: Bei der Betrachtung der Freiheit gibt es zwischen dem Islam und den modernen Systemen manche Unterschiede. Da ist zunächst die Freiheit des Einzelnen. Der Islam möchte den Menschen davor bewahren, in etliche vergängliche und zwecklose Begierden, Gewohnheiten oder Praktiken zu geraten, die ihm persönlich und anderen Menschen schaden. Er will auf keinen Fall, dass der Mensch zum Sklaven der Selbstsucht, seiner materiellen Wünsche und Triebe wird. Er fördert die seelische, spirituelle und moralische Größe und menschliche Tugenden.

Zweitens bewertet der Islam alle Menschen gemäß der monotheistischen Überzeugung als Gottesdiener. Dem Islam nach ist jeder Mensch ein von Gott erschaffener Diener. Alle Menschen sind gleich.. Kein Mensch ist dem anderen überlegen und keiner darf über den anderen verfügen.

Die Rechte und Freiheiten, die die Vereinten Nationen vor weniger als einem Jahrhundert als grundlegende Rechte und Freiheiten verkündet haben, sprach der Islam schon vor Jahrhunderten der ganzen Menschheit zu. Nach den Vorschriften des Islams sind folgende fünf Grundrechte und Freiheiten zu garantieren: Recht und Freiheit auf das Leben; Recht und Freiheit auf Meinung, Religion und Glaubensausübung; Recht und Freiheit auf privates Eigentum; Recht und Freiheit auf geistige und körperliche Gesundheit; Recht und Freiheit auf Eheschließung und Familiengründung. Der Islam sieht die schwersten Strafen für diejenigen vor, die diese grundlegenden Rechte und Freiheiten verletzen. Er bewertet zum Beispiel das ungerechte Töten eines Menschen wie das Töten aller Menschen, und das Retten vom Leben eines Menschen wie das Retten des Lebens aller Menschen.

Die Bewegung, die sich auf Sie beruft, hat sich die Bildung auf die Fahnen geschrieben. Warum?

Bildung und Erziehung sind die wichtigsten Dimensionen des menschlichen Lebens. Der Mensch erhebt sich durch lebenslanges Lernen zur wahren Menschlichkeit. Das Leben des Menschen ist wie eine Reise. Es gibt eine weltliche Phase, von der Geburt bis zum Tod. Danach gelangt die Seele ins Jenseits. Zu Beginn seiner Reise ist der Mensch in einem äußerst hilflosen und bedürftigen Zustand. Er kann ohne Hilfe nicht überleben. Dies unterscheidet ihn fundamental vom Tier. Das Tier hingegen kommt in einem Zustand zur Welt, in dem ihm beinahe alles beigebracht worden zu sein scheint. Bald nach der Geburt lernt das Tier in sehr kurzer Zeit die Gesetze des Lebens und gewöhnt sich an das Leben. Die Hauptaufgabe des Tieres besteht also nicht darin, durch Lernen Vollkommenheit und durch Kunstfertigkeit Fortschritt zu erreichen. Seine Aufgabe besteht darin, entsprechend seiner Anlagen zu handeln und dadurch seinem Schöpfer zu dienen.

Der Mensch dagegen muss von Geburt an lernen. Er kennt die Gesetze des Lebens nicht. Er kann erst nach ein bis zwei Jahren aufstehen und laufen, frühestens nach fünfzehn Jahren lernt er, seine Nachteile und Interessen zu unterscheiden. Die Hauptaufgabe des Menschen besteht also darin, unter Beweis zu stellen, dass er die Fähigkeit dazu besitzt, ein Leben in höheren Welten zu führen. Er kann durch Bildung eine Richtung für seine Reise finden und Klarheit im Denken erlangen. So kann er seine Aufgabe als Gottesdiener erfüllen, das Geheimnis des Seins begreifen und sich zum wahren Menschheitshimmel erheben.

Der Mensch ist außerdem ein Wesen mit einem freien Willen. Über den Willen zu verfügen bedeutet, dass der Mensch ständig zwei Alternativen hat. Er kann das Richtige oder das Falsche tun, er kann entscheiden, welchem von beiden er den Vorzug gibt. Sein Leben besteht aus der Gesamtheit solcher Entscheidungen. Aus diesem Grund ist die Entscheidung darüber, was falsch oder richtig ist, nicht nur die wichtigste Dimension des menschlichen Lebens, sondern das erste Mittel zu einem würdevollen und sinnvollen Leben. Die Fähigkeit der Unterscheidung kann nur mit präziser und perfekter Bildung ermöglicht werden.
Bildung und Erziehung sind nicht nur für die Individuen, sondern auch für die Gesellschaften von vitaler Bedeutung. Als Individuum ist der Mensch in dem Maße ein Mensch, in dem seine Gefühle gebildet sind. Der den Körper betreffende Teil der Erziehung kann vielleicht jeder erfassen. Entscheidend ist es jedoch die geistige, emotionale und seelische Erziehung zu verstehen und anzuwenden.

Die Völker erhalten ihre Existenz mit neuen Generationen aufrecht. Jedes Volk, das seine Zukunft garantieren möchte, muss einen Teil seiner Möglichkeiten auch für Kinder und Jugendliche, die die erwachsenen Menschen von morgen sind, gebrauchen. Viel Energie wird für nutzlose Dinge verschwendet. Aber alles, was für die Erhebung der neuen Generationen zur wahren Menschheit ausgegeben wird, wird wie eine unerschöpfliche Einnahmequelle weiter existieren.

Das wahre Leben ist für den Menschen nur mit Wissenschaft und Bildung möglich. Die Positionen und die Würde, die man durch Wissenschaft und Bildung erhält, sind höher und langlebiger als die Positionen, die durch andere Wege erreicht werden.

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