“Mehrheit der Ägypter hängt keinem politischen Islam an”

Die Religion spielt in der Revolution in Ägypten nur eine Nebenrolle, sagt der Islamexperte Udo Steinbach. Eine Radikalisierung im Land in den letzten Jahren sieht er als "Folge der Repression" und als "eine Folge der Tatsache, dass mit dem Islam von Seiten des Mubarak-Regimes herum gespielt worden ist."

Gespannt warten die Demonstranten in Ägypten am Dienstag auf den "Marsch der Million". Foto: ddp images

Gespannt warten die Demonstranten in Ägypten am Dienstag auf den "Marsch der Million". Foto: ddp images

Deutsch Türkische Nachrichten: Welche Rolle spielt die Religion für die Revolution, die im Augenblick in Ägypten stattfindet?

Udo Steinbach: Die Religion spielt allenfalls am Rande eine Rolle. Der Ausbruch der Unruhen hat wesentlich ökonomische Ursachen. Auch die Zehntausende Demonstranten, die auf der Straße sind, haben im Augenblick die Religion noch nicht auf ihren Plakaten. Die einzige Frage, die langsam ins Bild rückt ist, ist was die Rolle der Muslimbrüder sein wird. Werden sie die nationale Allianz mittragen oder werden sie einen eigenen, stärker islamisch eingefärbten Gang gehen?

Der Islamwissenschaftler Udo Steinbach

Der Islamwissenschaftler Udo Steinbach

Wie groß sehen Sie die Chance, dass sich eine gemäßigte Strömung des Islam durchsetzt mit dem Ziel einer Demokratisierung des Landes?

Das ist am heutigen Tag sehr schwer oder noch gar nicht zu bewerten. Einmal wissen wir nicht, ob das Regime geht oder ob es sich nicht doch durchsetzt und den Aufstand niederschlägt. Ich bin nicht sicher, wem Mubarak die Macht in die Hände legt, wenn er denn tatsächlich geht. Ich bin nicht sicher, ob es nicht zu Verwerfungen zwischen einzelnen Strömungen und damit zu inneren Unruhen kommen könnte. Ich will an dieser Stelle nicht von einem Bürgerkrieg sprechen, aber derart harmonisch und glatt wie die Dinge in Tunesien gelaufen sind, das dürfen wir für Ägypten nicht annehmen.

Wie groß sehen Sie die Gefahr einer Radikalisierung? Ist die Muslimbruderschaft eine Bewegung, die eine reelle Chance hat?

Die Muslimbruderschaft ist keine Mehrheitsbewegung. In der muslimischen Bevölkerung Ägyptens ist sie eine kleine Minderheit. Sie hat natürlich in den letzten Jahren ein relativ hohes Profil erworben, da die Muslimbruderschaft nahezu die einzige Bewegung war, die an den Wahlen insbesondere auch an den Parlamentswahlen neben der Staatspartei von Mubarak teilgenommen hat. Die anderen, kleineren Gruppierungen haben von vornherein darauf verzichtet anzutreten. Aber, wenn es zu einem wirklichen Mehrparteiensystem kommt, dann wird natürlich ein Teil derer, die aus Protest die Muslimbruderschaft unterstützt haben, jetzt zu anderen Parteien übergehen. Ich nenne hier nur, um eine Hausnummer anzuführen, die Nasseristen. Nassers Image ist bei einem großen Teil der Bevölkerung immer noch ziemlich ausgeprägt.

Was würde es für das Land bedeuten, wenn die Muslimbruderschaft an die Macht käme?

Dass eine Gruppierung wie die Muslimbruderschaft diese Protestbewegung „highjacked“ und übernimmt, das halte ich für eher unwahrscheinlich. Eigentlich schließe ich diese Variante sogar aus. Ich kann mir als Ergebnis, wenn es denn zu einem friedlichen Übergang kommt, keine andere Variante vorstellen als ein Ägypten, das von einer Koalition von unterschiedlichen politischen Standpunkten und unterschiedlichen Weltanschauungen regiert wird. Einschließlich derer, die in Ägypten ja nicht an geringer Zahl sind, die für eine säkulare Gesellschaft eintreten.

Es ist die Rede von der „radikalen Muslimbruderschaft“. Worin äußert sich denn deren Radikalität?

Die Muslimbruderschaft als solche ist noch nicht radikal. Sie hat sich da, wo sie erfolgreich in Erscheinung getreten ist, gewissermaßen an demokratische Spielregeln gehalten. Die Muslimbruderschaft dominiert zum Beispiel die großen ständischen Organisationen der Ärzte und Rechtsanwälte. Dort sind sie über Wahlen in die führende Stellung gekommen. Muslimbruderschaft und Radikalität gleichzusetzen halte ich für einen sehr problematischen Standpunkt, weil er uns einen natürlichen, offenen und unbefangenen Zugang zu dieser Bewegung verstellt, die zweifellos stark ist, aber nicht radikal.

Welche islamischen Strömungen gibt es noch außer der Muslimbruderschaft?

Es gibt natürlich den ganz normalen Gläubigen, der seine Gebete verrichtet, der am Freitag in die Moschee geht, der in keiner Weise organisiert ist. Das ist die Mehrheit der Ägypter – fromme Menschen, aber nicht einem politischen Islam anhängend. Und dann gibt es, was wir für Ägypten ganz stark in Betracht ziehen müssen, den sufischen, also mystisch orientierten Islam. Es existieren zahlreiche religiöse Bruderschaften, in denen sich die Menschen vor allen Dingen in den Städten zusammengeschlossen haben. Da dominiert eine Auffassung des Islam, die weitestgehend unpolitisch ist. Diejenigen, die expressiv verbis einem politischen Islam anhängen, also einem Islam, der die Grundlage einer politischen Ordnung werden soll, sind also ganz eindeutig in der Minderheit unter den Ägyptern.

Welche Auswirkungen hätte ein Umsturz des Systems in Ägypten auf andere Staaten?

Das würde sicherlich weitest reichende Folgen haben. Da brauche ich nur an die Tatsache zu erinnern, dass die erste große Revolution nach dem Zweiten Weltkrieg im arabischen Raum in Ägypten stattgefunden hat. In der nasseristischen Revolution wurde das Königshaus von den Offizieren gestürzt und dieser Sturz hat den Domino-Effekt ausgelöst in einer großen Anzahl von arabischen Staaten, in denen in den nächsten Jahren – also nach 1952 – das Regime abgelöst worden ist. Und eine Revolution in Ägypten, die am Ende auch noch zu einem demokratischen Ägypten führt, würde sicherlich ähnlich weitreichende Prozesse – nunmehr unter dem Vorzeichen nicht mehr des Militärs, sondern der zivilen Demokratie – auslösen. Nach einem Sturz des Mubarak –Regimes könnten wir für die kommenden Jahre mit tief greifenden Veränderungen der politischen Ordnungen im ganzen Nahen Osten rechnen.

In Ägypten haben Menschen gemeinsam gegen die Missstände protestiert – unabhängig von ihrem Glauben. Gibt es eine gemäßigte, moderate Form des Islam, die unabhängig von der allgemeinen Mehrheitsstimmung hierzulande existiert und hier noch nicht so aufgefallen ist?

Genau das ist das „normale“ Ägypten. Hier leben Muslime und Kopten, seit der Islam in das Land gekommen ist, zusammen. Wenn wir eine Radikalisierung in den letzten Jahren erlebt haben – mit Blick auf die furchtbaren Ereignisse von Alexandria – dann ist das eine Folge der Repression. Dann ist es eine Folge der Tatsache, dass mit dem Islam auch von Seiten des Mubarak-Regimes herum gespielt worden ist. Dass der Islam sozusagen als Droge gehandelt worden ist, um die Menschen still zu halten. Jenseits dieser Mubarakschen Politik, die eine Politik der Ausgrenzung und Unterdrückung war, hat sich eben auch unter den Elementen des Islams in Ägypten eine Radikalisierung vollzogen. Und das sind diejenigen, die Menschen töten, die Kirchen bombardieren und so weiter. Das ist aber das Ergebnis einer schlechten Politik über die letzten Jahrzehnte, das ist nicht das normale Ägypten. Das normale Ägypten ist durch das Zusammenleben von Muslimen und Christen als Bürger gekennzeichnet.

Welches ihrer Meinung nach eigentlich funktioniert…

Das wird wieder funktionieren unter den Bedingungen einer Demokratie. In dem Augenblick, da die Menschen mitbestimmen können, werden sie weniger geneigt sein, zur Radikalität Zuflucht zu nehmen, zur Ausflucht in einen militanten Islam. Denn dann wird das Phänomen des militanten Islam keinen Nährboden mehr in der offiziellen Politik haben.

In Tunesien hat der Umsturz gerade stattgefunden. Wird sich in Tunesien der Islam ganz einfach wieder einfügen lassen ins normale Leben?

Ja. Der normale Islam ist Teil des Lebens der Tunesier. In diesen Tagen ist Rachid Ghannouchi nach 20 Jahren Exil zurückgekehrt. Er ist der Chef einer Bewegung, die Ennahda heißt. Das ist eine islamische Gruppierung, die schon seit langem eine Verbindung sucht zwischen Islam und Demokratie. Einen militanten Islam, der versucht das System in Richtung auf eine islamische Republik auszurichten, kann ich in Tunesien nicht einmal ansatzweise erkennen.

Generell erscheint das Konzept von Islam und Demokratie für viele unvereinbar zu sein. Würden Sie dem beipflichten?

Nein, dem widerspricht ja auch die Beobachtung, Wir könnten da ganz im Osten anfangen. Indonesien hat sich in eine großartige Demokratie entwickelt. Wenn wir dann nach Westen gehen, haben wir Bangladesch und wir haben natürlich die Türkei, die uns im Augenblick ein kleines Rätsel aufgibt, wo aber auch ganz offensichtlich wird, dass es starke Kräfte gibt, die versuchen, das türkisch-islamische Erbe mit der Demokratie, mit Europa, vielleicht sogar mit einer Mitgliedschaft in der Europäischen Union, zu verbinden. Da gibt es also unterschiedliche Kräfte, unterschiedliche Bemühungen, unterschiedliche theoretische Ansätze. Aber das apodiktische Urteil, der Islam sei mit Demokratie nicht zu vereinbaren, das wird allein schon durch die Anschauung bestimmter Gesellschaften und bestimmter politischer Systeme in der islamischen Welt als falsch erwiesen.

Worin besteht denn das kleine Rätsel in der Türkei?

Es besteht darin, dass viele meiner türkischen Freunde Erdogan für einen Wolf im Schafspelz halten. Es ist ein gewisses Misstrauen da, dass die Demokratie unter Umständen missbraucht werden könnte, um islamische Regeln einzuführen, welche die Türkei zu einem anderen Land machen könnten als das, was sie über Jahrzehnte gewesen ist. Ich persönlich halte das für unzutreffend und glaube, dass die Türkei, noch viel mehr als andere Länder in der Region, pluralistisch ist. Und dass jeder, der in der Türkei versucht eine Art muslimische Gesellschaft oder islamischen Staat zu errichten, früher oder später scheitern wird.

Warum ist es gerade in der Türkei so gelungen, Demokratie und Islam zu vereinbaren?

Ich bin überzeugt, dass das tatsächlich mit dem Staatsgründer zusammenhängt. Atatürk war eine charismatische Gestalt, die dem Land – übrigens dem einzigen Land in der ganzen Region – ermöglicht hat, eine selbständige und eigenständige Entwicklung zu nehmen. Das ist dem gesamten arabischen Raum nicht gegeben gewesen; das gilt auch für den Iran. Die Türkei ist mit der Revolution 1923 einen selbstbestimmten Entwicklungsweg gegangen. Das hat sie herausgehalten aus all den Verkrampfungen, die insbesondere im arabischen Raum, aber auch im Iran stattgefunden haben. Heute, fast 80 Jahre nach Gründung der türkischen Republik, sehen wir, dass dieser Weg uminterpretiert wird, wieder stärker in Richtung auf die eigenen Wurzeln, in Richtung Erbe. Aber die Grundstruktur des politischen Systems, der säkularen demokratischen Ordnung, die kann nicht mehr grundlegend verändert werden; und ebenso wenig die Grundausrichtung auf Modernität und auf Europa hin.

Udo Steinbach ist Islamwissenschaftler und leitete von 1976 bis 2007 das Deutsche Orient-Institut.

Interview: Felix Kubach

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  1. Thanthalas sagt:

    Dass eine Gruppierung wie die Muslimbruderschaft diese Protestbewegung „highjacked“ und übernimmt, das halte ich für eher unwahrscheinlich.

    An dieser Stelle hätte ich eigentlich eine Erklärung erwartet warum das so ist. Behaupten kann ich auch viel. Bei Erklärungen sieht es dann bei vielen mau aus.

    @Redaktion: Bitte bei Interviews hinterfragen warum die Interviewten einen gewissen Standpunkt vertreten. Mich hätte hier eine Begründung brennend interessiert.